Freitag, 4. Oktober 2013

Restaurant Dalmatia (Buch)

Identität und Heimat. Darum geht es laut Umschlagstext. Ich würde sagen, es geht um Identität und Sprache.

Heimat ist ein Teil der Identität und damit aus meiner Sicht nicht separat aufzuführen. Und um Sprache geht es für mich, weil ich in Marinics Sprache baden könnte.

Der Roman spielt zwischen Kanada, Berlin und Dalmatien. Die Protagonistin, Mi(j)a ist in Berlin aufgewachsen, ihre Eltern kommen aus Dalmatien und in Kanada wurde sie erfolgreich als Fotografin.

Kanada dient dem Buch als Ausgangspunkt und Kontrast zu Europa. Auf der einen Seite das unhistorische und in die Zukunft gewandte Kanada vs. einem stark in der Geschichte verwurzelten und ewig zurück blickenden Europa. Und innerhalb Europas dann auch noch die Aufteilung zwischen Berlin und Dalmatien.

Zu Beginn daher auch der schöne Satz, der den Ausgangskonflikt zwischen Mia und Rafael, ihrem kanadischen Freund, beschreibt:

Seither ein Beil aus Gestern zwischen den beiden.

Identitätskonflikt. Sinnkrise. Das ist es, was Mia nach Berlin zurück bringt, wo sie ihre eigene und damit auch die Geschichte ihrer Familie und Freunde aufarbeitet. Es zumindest versucht. Anlaufpunkt für sie ist das Titel gebende Restaurant Dalmatia ihrer Tante Zora. Meine Lieblingsfigur in dieser Geschichte. Eine auf ihre Art liebende, vom Leben gehärtete Frau. Wie sie über ihre Dialoge zum Leben erweckt wird, ist für mich einfach grandios!

Grandios ist natürlich, ich erwähnte es bereits, die Sprache insgesamt. Am liebsten würde ich einfach nur Zitat an Zitat hier reihen, um zum Einen zu zeigen, was ich meine und zum Anderen sie gleich wieder genießen zu können.

Ein kurzer Abschnitt, um zu zeigen, mit welch "einfachen" Mitteln Marinic eine lebendige Stimmung aufbauen und gleichzeitig einiges über die beiden Charaktere ausdrücken kann:

Mijas Mutter verpasste ihr eine Ohrfreige. Zwei.
"Dass du es nicht mehr wagst, mich so anzuschreien. Ist das klar? Ist das klar? Du wagst es so zu brüllen, und in der Schule? Da kriegst du den Mund nicht auf! Dauernd höre ich, du redest nicht. Die sagen, deine schlechten Noten kommen davon, dass du nicht redest! Wieso merk ich denn nichts davon, dass du nicht redest? Kostet es denn was, in der Schule zu reden? Uns kostet es, dass du nichts redest, weil wir dir diese ganzen Lehrer ins Haus  holen müssen, damit du..."
"Ach, was weißt du denn schon. Du gehst ja nie hin! Sprichst nicht mit den Lehrern. Und wenn, würden die dich eh nicht verstehen! Gar nichts weißt du, von nichts weißt du was! Nur, was alles kostet weißt du!"
Noch eine. Und noch eine.

Neben der familieninternen Erinnerung ist die Handlung in die tatsächliche deutsche resp. jugoslawische (kroatische) Geschichte eingebettet. Wobei diese Einbettung angenehm dezent erfolgt. Zum Beispiel - vielen Dank hierfür! - schaut Zora nachts, wenn sie nicht schlafen kann, NBA. Das war die Zeit, als Drazen Petrovic (viel zu früh bei einem Autounfall ums Leben gekommen) und Toni Kukoc dort ihre großen Tage hatten. Beide aus Kroatien kommend.

Der Krieg auf dem Balkan kann natürlich nicht fehlen. Wobei er nahezu ausschließlich aus der Sicht der kleinen Mija erzählt wird. Damit ist er anwesend, wird aber noch unverständlicher. Gerade auch deshalb, weil sie mit ihrem Vater darüber nicht reden kann, bzw. er mit ihr nicht darüber reden möchte. Wie sehr er darunter leidet, ist schon allein durch einen kleinen Absatz zu erkennen:

Dagmar Berghoff las Abend für Abend in aller Ruhe ab, was sich in dieser Stadt ereignete. Tag um Tag Telefonate. Seine Brüder, seine Schwager, sonstige Verwandte. Selten Freunde, die hatten eigene Verwandte. Gegen diese Anrufe waren Dagmar Berghoffs Nachrichten die reinste Erholung. Sie sagte nur, was war, sie las nicht gleichzeitig vor, wie es ihr dabei ging.

Alles in allem ein Buch, das ich (wer hätte das gedacht?) nur jedem empfehlen kann, der ein wenig Sinn für Sprache hat und der bereit ist, auch ein wenig über Identität und Heimat (ja ja, sie darf ruhig doch auch separat erwähnt werden) nachzudenken. Denn nachdenklich ist es in jedem Fall! Nur, das hier noch mit aufzuführen, wäre 1. zu viel und 2. sollen ja alle das Buch lesen und selber denken und die liebevoll gezeichneten Figuren entdecken!

Wo genau der Unterschied zwischen Kanada und Europa ist? Zora:

Ja, und während ihr glücklich sein wollt, vergehen Jahre, in denen ihr haltlos unglücklich sein könntet ... mutig ... verloren ... irgendwas. Stattdessen stolpert ihr wie Zweijährige durch die Welt, aus Angst, auch nur einen Schritt falsch zu setzen. Wir hatten Scheißleben als Leben. Voller Stolz standen wir da und wußten: Diese Scheiße gehört mir!

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