Samstag, 16. März 2013

Die Recherche

Türe aufschließen, eintreten, Licht einschalten, Türe schließen. Das Licht geht wieder aus. Ein kurzer Sprung und das Licht geht wieder an. Vielleicht sollte ich die Birne mal wieder fest ziehen, denke ich und fühle mich zu Hause. Als ich den Mantel ausziehen will, stutze ich. Überlege. Weiß nicht was. Ich klopfe die Manteltaschen ab, dann die Hosentaschen. Ich habe etwas vergessen. Aber auch das Taschen klopfen verrät mir nicht, was in den Taschen sein sollte und nicht da ist. Wenn denn überhaupt etwas in den Taschen fehlt. Ich drehe mich wieder um, öffne die Tür, lösche das Licht trete aus der Tür, schließe sie ab und gehe die Treppen herunter.

Wieder auf der Straße, beschließe ich, dass ich das Vergessene oder Verlorene am Sinnvollsten dort suche, wo ich zuvor noch war. Also gehe ich ums Eck zurück in die Kneipe.

Um in die Kneipe zu kommen, muss ich ein paar Stufen nach oben laufen und gleichzeitig die Türe öffnen, da auf dem Treppenabsatz nicht genug Platz für meine Füße ist. Es kommt mir jedes mal so vor, als würde ich zu einer höheren Erkenntnis aufsteigen und mit der Türe ein Tor in eine andere, reichere Welt aufstoßen.

Zufrieden stelle ich fest, dass meine Lieblingsbedienung noch arbeitet. Etwas verwirrt, aber doch mit einem Lächeln im Gesicht kommt sie auf mich zu. Leicht verlegen bestelle ich ein Bier. Entfernt nehme ich wahr, dass am Nachbartisch jemand losprustet vor lachen. Ich lasse mich nicht davon irritieren und meinen Blick weiter auf Madeleine ruhen. Sie lächelt noch intensiver. Mein Glückstag. Dass sie beim Bestellung aufnehmen lächelt, ist nicht ungewöhnlich. Die Intensität schon. Wir blicken uns beide lächelnd an. Mein Gesicht wird heiß und ich meine, kleine Herzchen zwischen uns durch die Luft flirren zu sehen. Sie legt den Kopf auf die Seite und meint, dass sie keinen Lindenblütentee hätten. Allenfalls einen Hopfenblütentee könne sie mir anbieten. Habe ich wirklich Lindenblütentee gesagt? Ich bin irritiert und meine, dass ein Hopfenblütentee genau richtig sei. Sie geht ab. Von hinten sieht es so aus, als würde sie den Kopf schütteln.

Während ich auf mein Bier warte, blicke ich durch den Gastraum. Hinten im Eck sitzt ein älterer Herr, den ich häufiger hier sehe. Er hat eine großformatige Zeitung in Händen und liest. Da seine Lesebrille recht weit vorne auf der Nase sitzt, muss er den Kopf in den Nacken legen, um dann von oben nach unten durch die Brillengläser auf die Zeitung gucken zu können. Dabei zieht er die Augenbrauen nach oben, so dass es den Anschein hat, als würde ihm jemand den Kopf an den Brauen nach oben ziehen.

Am Tisch neben ihm sitzen zwei junge Männer. Beide jeweils ein Bier vor sich auf dem Tisch, sitzen sie neben einander. Der eine, er hat eine Halbe vor sich, starrt stier in das Glas und redet vor sich hin. Der andere hat ein Pilsglas vor sich stehen, das er mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand am Stiel hält. Er beachtet jedoch weder das Glas noch den neben ihm Sitzenden, sondern blickt gebannt über meinen Kopf hinweg. Ohne mich umzudrehen, weiß ich, dass dort ein Fernsehgerät hängt. Und so wie der schaut, kann es sich nur um ein Fußballspiel handeln, das dort übertragen wird. Ich frage mich, ob ich die beiden bedauern oder ob ich neidisch werden soll. Sie sitzen nebeneinander, scheinen sich aber nicht gegenseitig wahrzunehmen. Das spricht für die erste Variante. Auf der anderen Seite kann es gut sein, dass sie beide glücklich sind, da jeder seiner Tätigkeit nachgehen kann und sich doch nicht einsam fühlen muss. Wie zufrieden man sein kann, wenn man ein vor sich stehendes Glas Bier anbrabbelt, überlege ich mir dann aber doch lieber nicht.

Am Tisch neben mir sitzen noch die Pruster in geselliger Runde und frönen recht lautstark der Konversation, die in disem Fall jedoch eher einer Art Balzritual gleicht. Ob sich die beiden Mädels jedoch wirklich davon beeindrucken lassen, dass die Gockel sich im Erzählen überbieten, kann und will ich nicht einschätzen. Sollen die nur machen. Ein wenig Neid steigt in mir auf.

Da kommt aber auch schon Madeleine und bringt mir mein Bier. Ich lächle beiden entgegen. „Essen möchtest Du vermutlich nicht noch einmal, oder?“ Ich schaue sie mit einem verwundernd fragenden Blick an. Zumindest möchte ich einen verwundernd fragenden Blick auf sie werfen. Das ist ein Thema, das mich schon recht lange umtreibt. Ich wüsste gerne häufiger, ob meine Blicke mit der richtigen Intention bei meinen Gegenübern ankommt. Oft versuche ich, einer Person einen bestimmten Blick zuzuwerfen. Dabei muss es sich nicht mal um etwas Zweideutiges handeln. Es kann durchaus auch ein abfälliger oder ein wissender Blick sein. Je nach Situation. Allerdings weiß ich, da ich in der Regel keinen Spiegel dabei habe, nie ob mir der gewollte Blick auch gelingt. Selbst wenn ich einen Spiegel dabei hätte, würde sich an der Situation vermutlich nichts ändern, da die Wirkung der meisten Blicke verloren gehen dürfte, wenn man erst einen Spiegel zückt und einen prüfenden Blick auf den Blick wirft. Schon allein durch die Prüfung verändert sich ja der Blick. Und selbst wenn er sich nicht objektiv verändern würde, könnte der Spiegel den oder die gegenüber irritieren. An dieser Stelle möchte ich mich jedoch nicht zu sehr in den Abgründen meiner Richtig-Blick-Phobie verlieren, sondern gehe einfach davon aus, dass der Blick, den ich gerade in Richtung Madeleine abgesandt habe, verwundernd fragend schwebt und bei ihr ankommt. Ihre Aussage „Na, Du warst doch eben schonmal da und hast gegessen.“ nehme ich als gutes Zeichen, dass mir das Kunststück des gezielten Blickes diesmal gelungen ist. Ich quittiere das mit einem wissenden „Ich weiß.“

Da es bei ihrem Abgang wieder so aussieht, als würde sie den Kopf schütteln, gehe ich endgültig davon aus, dass sie heute einfach einen beschwingten Gang hat, den ich von hinten einfach nicht richtig deute.

Nun bringt sie dem älteren Herrn mit der Zeitung ein Schnapsglas und stellt es neben sein noch drei Viertel volles Weizenglas. Stimmt, er trinkt immer Weizen und Schnaps. Aus der Überlieferung meiner Eltern weiß ich, dass das eine in früheren Zeiten nicht unübliche Kombination war. Herrengedeck nannte man das seinerzeit. Und bei diesem Gedanken muss ich unwillkürlich an meine letzte Kreuzfahrt denken. Bis dahin kannte ich bei Schiffen nur, dass die Decks durchnummeriert waren. Bei diesem jedoch, wurden statt Zahlen Buchstaben verwendet. Ein durchbuchstabiertes Schiff. Und wie zum Hohn, wobei ich weder wusste, wer mich hätte verhöhnen sollen, noch warum das gerade für mich als Hohn hätte gelten sollen, wurde ich in das weiblichste aller Decks einquartiert. Das G-Deck. In der Kabine neben mir war ein Paar untergekommen, dass nicht die ganze Zeit seekrank war. Will heißen, sie waren sich nicht immer grün. Was wiederum auf so einer Kreuzfahrt dank dünner Kabinenwände den Passagieren in den angrenzenden Kabinen ein kleines Theater bietet. Jedes Detail habe ich natürlich nicht mitbekommen. Aber er schien Moritz zu heißen und ihr größter Wunsch war, dass er nicht immer fremd gehen solle.

Dass ich während dieser Kreuzfahrt noch einen Hexenschuss bekam, fand ich allzu symbolisch, theatralisch und schöpferischerseits nicht besonders gelungen konstruiert, war es doch das erste und bisher einzige Mal, dass es mir ins Kreuz gefahren ist. Ok, seitdem habe ich auch nie wieder so lange in gebückter Haltung mein Ohr an eine viel zu dünne Wand gehalten.

Wie war ich nochmal auf die Kreuzfahrt gekommen? Achja, das Herrengedeck. Das Herrengedeck? Ich schaue mir es und den es umgebenden Raum noch einmal an. Da sitzt er, der alte Herr. Mit einer Zeitung. Irgend etwas stimmt nicht mit der Zeitung. In Gedanken gehe ich die letzte Stunde meines Lebens noch einmal durch. In umgekehrter Reihenfolge. Bier abbestellen, Kneipe verlassen, die Treppe hoch springen, Türe abschließen, eintreten, wundern, heraustreten, abschließen. Die Treppe wieder runter, in die Kneipe, hinsetzen, zahlen, die Zeitung, die neben mir liegt, aufnehmen, austrinken (bzw. Bier in das leere Glas spucken), Madeleine sagen, dass ich zahlen möchte. Stopp! Das reicht. Die Zeitung. Die Zeitung, die der alte Mann an dem Tisch liest, ist exakt die Zeitung, die ich hier vergessen hatte. Wobei ich mir nun auch gar nicht mehr sicher bin, ob ich sie wirklich vergessen oder nicht viel mehr verloren hatte. Kann es nicht sein, dass sie mir, in der Hitze des Zahlvorgangs, von der Bank hinunter auf den Boden gefallen ist? Wäre das nicht quasi konstitutiv für das Verlieren einer Zeitung? Ich grübele kurz darüber nach. Abwägend komme ich zu keinem Ergebnis, stehe jedoch auf, gehe zu dem Herrn, strecke meine Hand aus und sage: „Entschuldigung, aber ich glaube, das ist meine Zeit.“

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