Sonntag, 27. Januar 2013

Strukturlose Öffentlichkeit

Unter dieser Überschrift fand sich am 21.01.2013 in der faz ein Artikel von Prof. Dr. Barbara Zehnpfennig, den ich in der Form nicht stehen lassen möchte.

Die Autorin stellt in diesem Artikel die Frage, wie demokratietauglich das Internet überhaupt sei. Wie man an der Fragestellung bereits vermuten kann, ist sie eher skeptisch. Z.B. mit dem Verweis darauf, dass Öffentlichmachen nicht gleichbedeutend mit Transparenz sei, da Daten nur dem transparent werden, "der sie versteht." Beispielhaft werden dann geheimdienstliche Bilder aufgeführt, die nur der Geheimdienst wirklich deute könne oder Bilder von bei zumindest kriegsähnlichen Handlungen getöteten Kindern, bei denen nicht klar ist, von welcher der Kriegsparteien sie getötet wurden etc.

Die Argumentation der Autorin läuft darauf hinaus, dass Öffentlichkeit und Veröffentlichung nur jenen zugestanden werden sollte, die in der Lage sind, mit ihrer Vernunft umzugehen und damit die Bevölkerung beglücken und voran bringen sollen. Zumindest den Teil der Bevölkerung, der dazu überhaupt nur in der Lage ist. Der Rest möge in seiner Dummheit weiter schmoren, es ist ihnen ja nicht mehr zu helfen.

Im Prinzip wird hier aus vorgeblich guten Motiven Zensur gefordert. Entscheidend sollen nur die Stimmen sogenannter Experten sein. Nun frage ich mich, welches Weltbild und welche Blindheit mit einer solchen Argumentation verbunden sein muss. Gäbe es in allen Situationen ein Richtig und ein Falsch, dann könnte ich diese Argumentation ja noch nachvollziehen. Wenn man sich jedoch beliebige Bereiche anschaut, in denen sich Fachleute zu Wort melden, kann man mit schöner Regelmäßigkeit sehen, dass auch hier unterschiedliche Meinungen aufeinander prallen. Wenn aber die Welt nicht so eindeutig ist und selbst unter Fachleuten keine einheitliche Richtung gefunden werden kann, dann weiß ich nicht, wo man die Arroganz hernehmen kann, anderen Leuten die öffentliche Meinung untersagen zu wollen.

Und das Vorenthalten und Filtern von Informationen durch eine Regierung klingt schon in sich nicht nach einer demokratischen. Ich bin dabei, dass es einen Bereich sensibler Informationen gibt und immer geben wird, der in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat. Hierbei handelt es sich aber um begründungsbedürftige Ausnahmen (und das sieht die Autorin anders). Die Regel sollte die freie Information sein. Immerhin sind wir ja auch diejenigen, die repräsentiert werden.

Zum Thema Anonymität im Netz noch das von mir: ja, es ist richtig, dass in einer liberalen Demokratie Aonymität nicht notwendig sein sollte. Zum einen gibt es jedoch auch in unserer Gesellschaft öffentliche Repression, so dass ein veröffentlichtes Wort, selbst wenn es der Wahrheit entspricht, der Person, die diese Aussage trifft, Nachteile bringen kann. Das einfach wegzudefinieren, halte ich für wenig hilfreich und insbesondere nicht sonderlich realitätsnah.

Ein Punkt, in dem ich der Autorin zustimme ist, dass auf Grund der vielfältigen Informationen und frei flottierenden Meinungen im Netz die Kompetenz der Bevölkerung (und hier ist im Schulbereich der Grundstein zu legen) erhöht und gefördert werden sollte, mit dem Medium Internet umzugehen und nicht jeder Meinung blind zu vertrauen. Wobei sich das auch in der Offline-Welt und auch gegenüber Fachleuten empfiehlt.

Der Hinweis in Richtung Piraten-Partei, dass  die ständige Kommunikation und Rückkopplung mit der Basis nicht opportun sei, entspringt m.E. ebenfalls der Ansicht, dass die Repräsentierten gar nicht in der Lage sind, zu verstehen, was in der Welt vor sich geht. Dem ist sicherlich so. Da in den Parlamenten jedoch ein (mehr oder weniger) repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung sitzen sollte, wüsste ich nicht, weshalb Parlamentarier bzw. Politiker an sich stets die besseren Entscheidungen treffen sollten bzw. ein Mehr an Wissen haben sollten. Natürlich kann man nicht in jedem Punkt und zu jedem Thema die Basis befragen. Das muss sich erst einpendeln. Wer jedoch grundsätzlich diese Rückkoppelung als negativ empfindet und, wie die Autorin dies tut, als potenziell demokratifeindlch ansieht, hat definitiv ein anderes Menschenbild und Demokrativerständnis als ich. Warum sollte denn die Befragung des Volkes der Demokratie schädlich sein?

Dass die ständige und freie Verfügbarkeit von Informationen für Journalisten ungeschickt sein können, mag korrekt sein. Wobei die Antwort nicht darin zu finden sein sollte, den freien Fluss der Informationen zu verbieten, um Journalisten ein Einkommen zu sichern. Mit einer liberalen Gesellschaft hat das m.E. nämlich nur wenig zu tun.

Bei den Auswirkungen auf die Bildung stimmen wir sogar fast überein. Die jederzeitige Verfügbarkeit von Information macht reines Wissenlernen weniger notwendig. Die Folge sollte aus meiner Sicht dann sein, dass man in der Schule lernt, mit dem Medium umzugehen. Und zack!, kann man die geistige Aufmerksamkeit Inhalten zuwenden und deren kreativen Weiterentwicklung und kann das Wissen dann anzapfen, wenn es notwendig ist.

Insgesamt verbreitet der Text den Eindruck, da klammere sich eine Person in Existenzangst an die gute alte Welt und versuche, das Neue zu diskreditieren. Am übelsten stößt mir dabei das von der Autorin diagnostizierte Undemokratische des Internets auf. Ausgerechnet das Medium, dass noch am ehesten die Möglichkeit bietet, dass sich jeder einbringt, soll der Demokratie abträglich sein, so dass eine weise Instanz die Bürger davor schützen muss.

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