Samstag, 3. November 2012

Spazieren gegangen worden

Heute Vormittag wurde ich gegen meinen Willen in die Stadt getragen. Ehe ich's mich versah, sah ich mich Richtung Innenstadt flanieren. Nicht, dass ich mich wirklich sah. Es war streng genommen so, dass sich der Weg, der sich von mir zur Innenstadt erstreckt, dergestalt an mir vorbeischob, dass ich auf Grund vergangener Erfahrungen den Schluss zog, dass ich wohl flanierte. Soll hier aber nicht weiter ins Gewicht fallen.

Glücklicherweise hatte ich aus einer Laune heraus heute morgen eine Hose angezogen, so dass nichts zog. Weder ich die Blicke anderer Passanten auf mich noch der männliche Temperaturfühler zwischen meinen Beinen sich zusammen. Gleichwohl kam ich mir blöde vor. War doch die Pulli-Hose-Kombination nicht dazu angetan, Frauenherzen im Sturm zu erobern. Jene morgendliche Laune hatte es nämlich nicht verhindern können, dass ich mich beim Anziehen in den Kleidungsstücken vergriff. Dergestalt ungestalt kam ich mir falsch angezogen vor. Verkleidet.

Die Arbeiten an der Tübinger Straße sind überwiegend fertig. Sie ist wieder nahezu passierbar. Quasi entbaustellt. Wäre nicht gerade eine Bühne aufgebaut worden, hätte ich das vorletzte Wort im zweiten Satz dieses Absatzes ungeschrieben lassen können. Sie wurde aber aufgebaut. Gefeiert werden soll ironischerweise die Wiederpassierbarkeit der Straße.

Apropos Wiederpassierbarkeit. Während des Flanierens ist es wieder passiert. Ich bin in Buchläden gefallen. Warum? Weil ich an Buchläden gefallen finde. Flanieren an Werktagen führt nahezu immer zu einer Buchlandung. Diesmal sogar schon vor Betreten des ersten Ladens. Ein Band mit Erzählungen von Capote. Allein der Name gefällt mir. Capote. Klingt fast wie Kaputtie. Freu mich schon auf den Lesegenuss. Wann auch immer er anstehen mag, haben doch diverse zeitlich näher an Christi Geburt getätigte Buchkäufe noch etliche Seiten vor Capote gelegt.

Und bevor ich mich wieder in den Lesefluss stürze, bade ich ohnehin noch einen Moment im Schreibfluss.

Im Flanierfluss bewahrheitete sich auch wieder ein Problem, das ich mitunter habe. Schrieb ich doch dereinst, dass Notizbücher wie Regenschirme seien. Immer wenn ich eins dabei habe, bekomme ich sicher keine guten Ideen. Nun, heute hatte ich keins dabei. Und die Ideen kamen. Über die Qualität sei an der Stelle das Mäntelchen der Verschwiegenheit gebreitet. Aber Ideen! Zwischenzeitlich, wieder daheim seiend, habe ich sie auch schriftlich nieder gelegt. Einem Kranze gleich, am Grab der Erinnerungen.

Wieder daheim? Ja, dankenswerter Weise trugen mich jene, die mich vormittags gegen meinen Willen in die Stadt trugen, auch wieder zurück. Wohlbehalten in meiner Wohnung sitzend, staune ich über das Eigenleben, das meine Beine führen. Fehlt ihnen wohl die nötige Führung. Werde ich sie nächstens besser an die Hand nehmen.

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