Sonntag, 15. Juli 2012

Jenseits vom Lesen


Heinrich saß in der Badewanne. Mit dem Wasserpegel sank die Temperatur. Zwischen seinen Füßen wurde der Strudel immer deutlicher. Ein letztes Gurgeln und die Wanne war leer. Er blieb noch einen Moment sitzen und fixierte den Abfluss, an dem noch letzte Schaumreste zu sehen waren. Ihn fröstelte.
Er stand auf, wickelte sich in sein Badetuch und setzte sich auf den Rand der Wanne. Für einen Moment genoss er die Geborgenheit des wärmenden Frottees, dann raffte er sich auf, trocknete sich ab und schlich ins Schlafzimmer. Auf dem Weg fiel sein Blick auf die Wanduhr und er sah, dass er sich beeilen musste. Hatte er auch dieses Mal wieder zu lange in der Wanne gesessen. Dieses Muster erkannte er in seinem Leben immer wieder. Die Flucht vor unangenehmen Dingen, indem er blieb wo er war. Schon seine Geburt hatte sich um einige Tage verzögert.
Mit noch verschrumpelten Fingern zog Heinrich sich hastig an und beeilte sich, um die Bahn zu erwischen. Trotz Eile bemerkte er die dunklen Wolken am Himmel, durch die der Eindruck entstand, es sei bereits deutlich später am Abend. Die Spannung, die in der Luft lag, war für ihn körperlich spürbar und er fragte sich, wie lange es wohl noch dauern würde, bis sie sich in einem Gewitter entlud.
In der Bahn wurde es Heinrich schummrig. War es die schlechte Luft oder das, was vor ihm lag? Der Geruch nach mit Bier durchmischtem Schweiß zog in seine Nase. Obwohl er an diesem Tag noch kein Bier getrunken hatte und gerade erst frisch gebadet aus der Wanne gestiegen war, bezog Heinrich den Geruch auf sich und schämte sich dafür. Eine willkommene Ablenkung von der sich immer weiter in ihm ausbreitenden Nervosität.
An der Zielhaltestelle angekommen, vergewisserte er sich beim Verlassen der Bahn, dass er die Zettel dabei hatte. Ein Griff an seine Gesäßtasche verriet ihm, dass dem so war. Er wusste nicht, ob ihn das beruhigen sollte oder ob ihm die Ausrede, er hätte seinen Text vergessen, nicht willkommener gewesen wäre. Es änderte nun auch nichts. Das Vergessen durch Wegwerfen zu simulieren, kam für ihn nicht in Frage.
Der kurze Weg von der Haltestelle zum Ziel war überwiegend überdacht, so dass er von dem Regen, der mittlerweile eingesetzt hatte, nahezu unbehelligt blieb. Nur der Duft des frisch genässten Betons drang in seine Nase. Ein Wohlgeruch, den er nur sehr beiläufig wahr nahm.
Er war bei weitem nicht der Erste. Auf Grund des Regens stand niemand vor dem Gebäude. Aber durch das Fenster konnte er sehen, dass der ebenerdige Raum, in dem die Lesung statt finden sollte, bereits gut gefüllt war. Er betrat ihn als würde er zum Schafott hinaufsteigen. Er erkannte Bekannte, Freunde, Fremde und die anderen aus seiner Schreibgruppe. Sie begrüßten ihn freundlich und niemand schien sich an seiner feuchten Hand zu stören.
Das Warten war wie immer das Schlimmste. Den anderen beim Lesen zuzuhören. Die überwiegend positiven Reaktionen des Publikums. All das nahm Heinrich sehr deutlich wahr und ließ sein Herz immer heftiger pochen. Konnte seine Geschichte bei denen der anderen mithalten? War er in der Lage, genauso gut zu lesen wie sie? Er schloss die Augen und versuchte, sich auf seinen Atem zu konzentrieren. Die Pauke in seiner Brust für ihn deutlich hörbar.
Dann ist Heinrich an der Reihe. Der Moderator hat mit wenigen Worten das Publikum auf seine Geschichte vorbereitet, seinen Namen genannt und ihm zugenickt als Zeichen, dass er aufstehen, nach vorne kommen und auf dem dem Publikum zugewandten Stuhl Platz nehmen solle. Er steht auf und geht nach vorne. Den Weg nimmt er undeutlich wahr. Es fühlt sich an, als würde er, mit Bleigewichten an den Füßen, durch einen Swimmingpool laufen. Vorne angekommen, setzt er sich auf den Stuhl und legt mit zitternden Händen, kann man das in der ersten Reihe sehen?, seinen Text auf den kleinen Tisch. Er blickt nach vorne. Die Scheibe hinter den Leuten wird durch einen Blitz zuckend erhellt. Der anschließende Donner ist das einzige Geräusch im Raum. Dann Stille. Alle Augen sind auf ihn gerichtet. Er fühlt sich wie in einem Nacktscanner vor Millionen-Publikum.
Heinrich greift zum Text. Schaut auf ihn. Atmet tief ein und aus. Die Buchstaben verschwimmen. Neulich erst hatte er den Tipp bekommen, sich vorzustellen, dass er nicht seinen eigenen Text lese, sondern den einer fremden Person. Doch was nützt dieser Tipp, wenn er den Text nicht einmal erkennen kann? Die Buchstaben tanzen vor ihm auf dem Blatt Papier als wollten sie ihn verhöhnen. Für einen kurzen Moment stockt sein Atem. Er weiß nicht, ob das Publikum das erkennen kann und wenn, ob es für sie so aussieht, als habe er einen leichten Schluckauf und dies sei der Grund dafür, dass er noch nicht angefangen habe.
Nun fang schon an, tönt eine Stimme von irgendwo aus dem Publikum zu Heinrich. Er konzentriert sich. Atmet noch einmal tief ein. Schüttelt den Kopf, um die Situation zu klären und seinen Blick zu schärfen. Es bringt nichts. Er fühlt sich wieder in seine Badewanne versetzt. Doch diesmal steigt der Wasserpegel. Es fühlt sich nicht an wie angenehmes, warmes Wasser sondern, als würde sich die Wanne langsam mit flüssigem Beton füllen. Er will testweise einen Fuß bewegen. Vergeblich. Wird er tatsächlich in Beton gegossen?
Die Lähmung steigt seinen Körper nach oben. Weitere Rufe aus dem Publikum, was denn mit ihm los sei, dringen an sein Ohr. Mit trockenem Mund hechelt er und doch kommt es ihm so vor, als würde sich seine Lunge nicht mit Sauerstoff füllen. Er lehnt den Kopf nach hinten. Die Arme sinken zur Seite. Ziehen zum Boden, als versuche der Teufel persönlich, ihn in die Hölle zu zerren. Er schließt die Augen. Rutscht nach vorne. Streckt sich. Und so verharrt er, ohne dass ein Wort seinen Mund verließe.

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