Sonntag, 22. April 2012

Schreibübung

Kleine interessante Schreibübung ist es, drei nicht sinnvoll zusammen gehörige Wörter als Ausgangsbasis für eine Geschichte zu nehmen. Derletzt hatten wir Korkenzieher, Zebra und Zeitsprung. Hat bei mir zu diesem Ergebnis geführt:

"Der Korkenzieher
Heinz beugte sich über das Zebra. Es war zum Verzweifeln. Alles passte. Nur das rechte Hinterbein nicht. So fest er auch drückte, er bekam es einfach nicht hinein. Konnte es wirklich sein, dass bei einem Ü-Ei-Zusammensetz-Ding das Loch zum Einsetzen eines Körperteils zu klein war?
Er blickte auf die Uhr: kurz vor drei. Nachts. Er hatte noch Dienst bis um sieben. Das waren noch vier Stunden. Nein, fiel es ihm ein. Noch fünf Stunden. Diese Nacht wurden die Uhren von Sommer- auf Normalzeit zurückgestellt. Dieser Zeitsprung, der jeden Normalsterblichen freute, weil so das Wochenende, wenn auch nur minimal, verlängert wurde, bedeutete für ihn eine Stunde länger Dienst.
Er stand auf, um sich einen Kaffee aufzubrühen. Die Lösung seines Zebra-Problems erforderte volle geistige Konzentration. Während der Kaffee durch die Maschine lief, bzw. das aufgekochte Wasser durch das Kaffeepulver lief und so zum Kaffee wurde, der dann in die unter dem Filter bereit gestellte Kanne tropfte, kam Heinz die Idee, dass er vielleicht mit Hilfe eines Küchenmessers das Loch am Körper des Zebras soweit vergrößern könnte, dass sich das Bein einfügen ließe.
Er öffnete die Schublade mit dem Besteck und durchkramte sie. Kein Messer. Er hielt kurz inne, um zu überlegen ob er in dieser Küche überhaupt schon einmal ein Küchenmesser gesehen hatte. Eins stand ihm bildlich vor seinem inneren Auge. Allerdings konnte er nicht mit Sicherheit sagen, ob er es aus dieser Küche kannte oder ob es sein eigenes bei ihm zu Hause war. Sein wichtigstes Küchenutensil zu Hause war, neben einem Flaschenöffner, vulgo Feuerzeug, ein Dosenöffner. Wieso sollte er eigenhändig Dinge klein schneiden, die schon fix und fertig vorbereitet waren?
Heinz wollte gerade enttäuscht die Schublade zuschieben, als sein Blick auf einen Gegenstand fiel, der sich womöglich besser als ein Messer zur Weitung des Zebrabeinlochs eignen würde. In zweifacher Hinsicht. Zum Einen auf Grund seiner Beschaffenheit und zum Anderen schlicht und ergreifend, weil er existenter war als das Messer. Er nahm den Korkenzieher aus der Schublade und lächelte.
Mit Kaffeekanne, Kaffeebecher und Korkenzieher bewaffnet kehrte Heinz zu seinem Schreibtisch zurück. Die Kanne stellte er auf den großen und den Becher auf den kleinen Untersetzer, die beide ständig auf seinem Tisch lagen. Da ein guter Polizist jede menge Kaffee trinkt, hat ein vorausschauender Polizist auch immer Untersetzer für Kanne und Becher parat. Den Korkenzieher legte er quer auf die Schreibtischfläche, so dass er ihn genau vor sich hätte, wenn er wieder auf seinem Stuhl säße.
Gerade noch rechtzeitig bevor er sich setzte, fiel ihm ein, dass er noch etwas vergessen hatte. Ketchup. Er lief zurück in die Küche, um die Flasche zu holen. Er wusste, dass es viele Leute als ungewöhnlich empfanden, Ketchup in den Kaffee zu geben. Aber das war Heinz egal. Er nahm zu fast allem etwas Ketchup. Der Name verpflichte, pflegte er immer zu sagen.
Heinz setzte sich, goss sich den Kaffee ein und war gerade dabei, den Ketchup zu verrühren als das Telefon klingelte. Er hielt in der Rührbewegung inne und fixierte das Telefon. Es klingelte zum zweiten Mal. Er nahm den Löffel aus der Tasse, ließ einen Tropfen zwischen Tassenrand und Kaffeeoberfläche abtropfen, um den Löffel in den Mund zu nehmen und abzuschlecken. Da ertönte das dritte Läuten. Schnell legte er den Löffel auf den Schreibtisch und griff zum Hörer. Es gab eine Dienstanweisung, die besagte, dass das Telefon unmittelbar nach dem dritten Läuten zu beantworten sei. Und es gab eine Heinzanweisung, die besagte, niemals vor dem dritten Läuten das Telefon zu beantworten, um potenziellen Verwählern die größtmögliche Zeit zu geben, den Wählirrtum einzusehen, aufzulegen und so die wertvolle Einsatz- und Arbeitszeit von Heinz nicht durch unnötige Ablenkungen in Anspruch zu nehmen.
Er führte den Hörer zum Ohr und noch während er sich vorschriftsgemäß mit Angabe des Polizeireviers, seines Dienstgrades und Namens meldete, hörte er auf der Gegenseite bereits lautes, entsetztes Stöhnen. „Darf ich fragen, wie sie heißen und was vorgefallen ist, dass Sie zu dieser Zeit bei der Polizei anrufen?“ Von der anderen Seite war ein kreischähnliches Geräusch zu vernehmen, das hektisch versuchte, eine Mitteilung zu machen, die Heinz nicht im Geringsten verstand. Dass Frauen in angeblichen Notsituationen immer gleich hysterisch werden mussten.
Nach einigem Hin und Her und Beruhigungsversuchen durch Heinz hatte er herausgefunden, dass am anderen Ende der Leitung eine Frau Dörrfleisch war, die von der Haupt-, Ecke Bachstraße von ihrem Handy aus anrief. Der Grund ihres Anrufs war, dass sie, von einer Bekannten kommend und auf dem Weg nach Hause seiend über die Hauptstraße fuhr, dabei Radio hörte und einen in dunklen Farben gekleideten Mann, der die Straße überqueren wollte, nicht gesehen hatte, so dass sie, zwar noch bremsend und daher mit quietschenden Reifen in ihn hineingerutscht sei, sein Körper durch den Aufprall vermutlich leicht durcheinander gewirbelt wurde, er wahrscheinlich mit dem Kopf gegen die Windschutzscheibe prallte und danach über das Dach des Autos hinweg geschleudert wurde. Ihr sei, da sie angeschnallt und im Besitze eines funktionierenden Airbags gewesen sei, nichts passiert. Außer vielleicht dem Zuziehen eines Schocks, was sie aber, da keine Ärztin, zu diagnostizieren sich nicht zutraue. Nein, sie sei nicht alkoholisiert. Dies könne gerne durch einen Bluttest überprüft werden. Ja, sie sei sich bewusst, dass an besagter Stelle ein Zebrastreifen sei, den sie auch, im Gegenteil zu dem Mann, gesehen hatte. Die Existenz eines Zebrastreifens alleine nötige einen jedoch, soweit sie informiert sei, nicht zum Anhalten. Es sei denn, eine Person möchte die Straße zu der Zeit an der Stelle überqueren. Dies hatte sie jedoch nicht erkannt, da sie ja, wie bereits mehrfach erwähnt, den Mann nicht gesehen hatte.
Heinz legte den Hörer auf die Gabel und atmetet einmal tief durch. Dann erst konnte er einen Notarzt rufen und an die Unfallstelle beordern. Er spielte noch mit dem Gedanken, gleich auch vorsichtshalber einen Leichenwagen hinzuschicken, verwarf ihn aber wieder, da er sich erst kürzlich vorgenommen hatte, positiver zu denken und diese Art von Vorausschau weder dazu passte, noch ihm ein Lob durch seinen Vorgesetzten einbrächte.
Er schaute auf die Uhr, um die Zeit des Anrufs für den späteren Bericht zu notieren. Zwanzig nach zwei. Gerade als er die Kulimine eingeklickt hatte, fiel ihm ein, dass diese Zeitangabe unpräzise war. Kurz entschlossen fügte er das Wörtchen „zweites“ vor die Uhrzeit und darunter eine Erinnerung für ihn selber, mit dem Chef zu klären, wie das zweite zwanzig nach zwei in der Nacht der Zeitumstellung korrekt im Bericht anzugeben sei.
  • Zeitsprung -
Der von Frau Dörrfleisch Angefahrene hatte den Unfall überlebt, sich allerdings einen zerebralen Schaden zugezogen, der dazu führte, dass er für den Rest seines Lebens in einem Heim untergebracht wurde. Da das Schicksal gerne mit seiner Ironie prahlt, kam er genau in das Heim, in dem Frau Dörrfleisch als Pflegerin arbeitete, so dass sich die beiden hier, wenn auch weniger heftig als seinerzeit am Zebrastreifen, erneut trafen. Aus Schuldbewusstsein ließ sie ihm eine besondere Aufmerksamkeit zukommen und versorgte ihn regelmäßig mit Weinflaschen. Zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehörte es, nach dem Entfernen des Korkens den Wein auszuschütten, so dass er die leere Flasche als Kerzenständer verwenden konnte. Den Korken durchbohrte er, zog einen Faden durch das Loch und führte ihn so, als Hundeersatz gassi. Daher wurde er unter den Pflegerinnen und Pflegern der „Korkenzieher“ genannt."

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