Montag, 6. Februar 2012

Tribute to Johnny Cash


Angefangen hat es vor drei Jahren. Ich war abends durch die Straßen gezogen und hatte Durst auf ein Bier. In einer Straße, die ich nicht kannte, sah ich Licht aus einer offenen Tür auf die Straße fallen und es kam ein Sound aus dem Raum, der nach Freiheit, Abenteuer und Einsamkeit klang. Ich stellte mich vor die offene Türe und schaute auf das Schild über dem Eingang: „Johnny's Cash-Saloon“. Dann musste die Musik, die heraus drang, Country sein. Ich trat ein und blickte mich in dem Raum um. Es waren fast ausschließlich Männer dort. Alle hatten Jeans und Hemden an, einige Cowboy-Hüte oder Baseball-Kappen. Ich ging zur Bar, setzte mich auf einen freien Hocker und bestellte ein Bier.
Die Atmosphäre faszinierte mich. Erwachsene Menschen, die sich als Cowboys verkleidet hatten mitten in Stuttgart anzutreffen hätte ich nicht gedacht. Ich fühlte mich in eine andere Welt versetzt, zu der auch die melancholische, teilweise rockige, teilweise in soften Pop wechselnde Musik passte. Die Texte waren ähnlich einfach wie die Rhythmen. Es handelte sich um Liebesgeschichten, manchmal Heroisierungen des Landlebens und fast immer um US-Patriotismus. Die Leute verströmten ein ähnliches Gefühl von Einfachheit, gepaart mit festen, meist etwas rückständigen Ansichten. Ich fühlte mich wohl.
In der Folge ging ich öfter in den Laden und lernte die Leute und die Musik besser kennen. Der Held des Saloons war, wie schon am Namen zu erkennen, Johnny Cash. Dieser tragische Poet, dessen Leben im Kino sogar Leute interessierte, die gegenüber Country-Musik die größten Vorurteile hegten. Er wurde auch mein Held.
Wenn ich neue Kleidung brauchte, musste sie schwarz sein. Immer nur schwarz. Mit der Zeit hatte ich nur noch schwarze Klamotten. Schuhe, Socken, Jeans, Hemden und eine schwarze Baseball-Kappe. Ich hätte gerne hellere Sachen getragen, aber solange die Menschheit in dem Zustand war, in dem sie war, musste einer vorangehen, der in schwarz gekleidet war. Einen Regenbogen hätte ich nicht angezogen. Darin unterschieden wir uns. Der wurde mir schon zu häufig durch die Straßen getragen. Egal ob für den Frieden oder für die Gleichberechtigung von Homosexuellen. Immer kam der Regenbogen vor. Die Streifen entweder senkrecht oder waagrecht. Ich konnte mir nie merken, was für was stand. War mir auch egal. Meine Welt war schwarz.
In dem Saloon trank ich immer Johnny Walker und bezahlte immer bar. Auch so konnte ich mich meinem Held nähern. Aber es blieb ein Abstand zwischen uns. Das gab mir das Gefühl, in einen brennenden Reifen zu stürzen. Nicht aus Liebe, sondern aus Verzweiflung. Ich versuchte, meine Jugend heraufzubeschwören. Auch ich war gehänselt worden und hatte dadurch an innerer Stärke gewonnen, wie die Figur in einem von Cashs Songs. Aber der Grund bei mir war nicht, dass sich mein Vater bewusst entschieden hatte, mir einen Mädchennamen zu geben, sondern meine Segelohren.
Egal was ich tat. Immer fühlte ich mich ein Stück weg von Johnny. Ich wollte ihm noch näher kommen. Und so beschloss ich, auch den letzten Schritt zu tun, der aus meiner Sicht noch gefehlt hatte. Für diesen Anlass kaufte ich mir einen schwarzen Ledermantel. Ich war der Meinung, das war die einzig würdige Art. Dazu einen Cowboy-Hut. Schwarz. Es war das erste Mal, dass ich einen getragen hatte. Ich fühlte mich gut. Aber das war nur die Vorbereitung. Die eigentliche Annäherung sollte erst noch erfolgen. Hierfür brauchte ich noch ein weiteres Utensil, das nicht annähernd so einfach zu besorgen sein sollte und mich ein weiteres Mal kreuz und quer durch Stuttgarts Straßen trieb. Aber ich war erfolgreich. Schon bald war ich im Besitz eines Colts.
Ganz in schwarz gekleidet, mit Hut und Mantel stolzierte ich wie ein echter Cowboy durch die Königstraße. An der unteren Königstraße angekommen, betrat ich ein Schuh-Filialgeschäft der unteren Preisklasse. Ich konnte, wie vorher schon auf der Straße, die Blicke der Leute auf mir spüren. Aber das machte mir nichts aus. Im Gegenteil, ließ es mich noch ein bisschen wachsen. Ich hatte eine Mission. Ich war stolz. Ich war Johnny Cash.
Der Laden war bis auf ein paar Kundinnen leer. So musste ich mir die ausgestellten Schuhe angucken, bis ein Mann in den Eingang des Geschäfts trat, mich erst musterte und dann entschied, dass er wohl hereinkommen könne.
Ich folgte ihm mit ein bisschen Abstand hinter ein Regal. Als ich um es herum bog, bückte er sich gerade nach einem Paar Schuhe in der untersten Reihe. Seine Bewegung erstarrte, als er meine Anwesenheit spürte. Ich konnte ein kurzes Zögern an ihm erkennen, dann richtete er sich auf und drehte sich zu mir um. Das war mein Moment. Der Moment des größten Triumphs.
Sein Blick gefror genau wie sein gesamter Körper. Mit einem leeren Blick schaute er mich auf Brusthöhe an. So, dass er genau auf die Mündung meines auf ihn gerichteten Colts blickte. Ich genoss die in seinen Augen langsam hervortretende Panik. Seine Augen weiteten sich unmerklich so lange, bis die gesamten Pupillen von weiß umgeben waren. Sein Mund öffnete sich. Es kam aber kein Laut hervor. Seine immer noch aufgerissenen Augen bewegten sich nach oben und suchten meinen Blick. Als er anfing, mit dem Kopf zu schütteln, drückte ich ab.
Der Knall erschreckte auch mich. Der Blick meines Gegenübers wechselte von panisch zu ungläubig. Seine Augen und seine Hände bewegten sich parallel zu seiner Brust. Etwas Blut kam durch seinen Fingern hervor. Dann feuerte ich meine Waffe noch weitere vier mal ab. Fünf Schüsse sollten ausreichen, entschied ich. Der Mann zuckte bei jedem Treffer und sackte dann wie in Zeitlupe zusammen und kam auf dem Boden zu Liegen. Immer noch zuckend. Ich kniete mich neben ihn, ein Bein nach hinten, das andere aufgestellt, so dass ich die Hand mit dem Colt auf dem Knie ablegen konnte. Die andere Hand hob ich zu meinem Mund und legte den Zeigefinger auf die Lippen. Eine unnötige Geste, da er die ganze Zeit völlig ruhig gewesen war. Der Lärm kam von den anderen Leuten in dem Laden, die, nachdem sie die Schüsse gehört hatten, zu uns gerannt kamen und nun im Halbkreis um uns herum standen.
Ich verharrte in der Pose und guckte ihm zu, bis ich kein Zucken mehr an ihm wahrnehmen konnte. Dann nahm ich den Zeigefinger von den Lippen und legte ihn gemeinsam mit dem Mittelfinger an seine Halsschlagader. Kein Pulsschlag. Jetzt war ich Johnny so nahe gekommen, wie es ging. I shot a man in Reno – just to watch him die.

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