Mittwoch, 15. Februar 2012

Calcium-Tablette

Hans und ich sitzen in der Aligator-Bar. Am Nachbartisch sitzt ein Mann alleine. Er ist ungefähr so alt wie wir beide. Zusammen. Er isst Pizza.


Der Mann trägt eine VfB-Fan-Mütze und wirkt insgesamt etwas träge. Er hat so einen stieren Blick, den er auf die Pizza gerichtet hält. Auf die Pizza? Streng genommen auf den Tisch von sich aus gesehen hinter der Pizza.


Leicht apathisch schneidet er Stück für Stück ab und schiebt es sich in den Mund. Die Gabel kommt jeweils leer wieder heraus und wird von ihm erneut in das köstliche Essgut vor ihm gepickt. Er schneidet mit dem Messer ab, schieb sich das Stück in den Mund. Die Gabel kommt leer wieder heraus und fährt erneut in die Pizza. Das ganze geht von vorne los.


Hans hatte mich vor ein paar Minuten darauf aufmerksam gemacht. An sich nichts Außergewöhnliches. Ein Mann sitzt in einer Bar und isst Pizza. Wo ist das Thema? Immerhin macht er auch Kaubewegungen. Nochmal genau beobachten. Gabel in Pizza. Messer schneidet ab. Gabel führt abgeschnittenes Stück Richtung Mund. Mund öffnet sich. Essgut wird hineinbefördert. Gabel kommt leer wieder heraus. Mund ist zu. Kaubewegung.


Alles in Ordnung, sage ich zu Hans. Doch der bleibt skeptisch. Meint, ich solle nochmal genau hingucken. Ich folge ihm. Hat er doch häufig, wenn nicht fast immer Recht mit seinen Beobachtungen. Doch da kann ich wirklich nichts Auffälliges wahr nehmen. Außer diesem komischen, leeren, stieren Blick. Aber ok. Was soll er mit seinem Blick auch groß anfangen?


Ich sehe mich in der Kneipe um. An manchen Tischen sitzen welche. Einige Tische sind leer. Bei denen, die da sind, handelt es sich überwiegend um jüngere Männer. Wenig Frauen. Keine hübschen Frauen. Da kann man, wenn man alleine ist und eine Pizza ist, schonmal leer vor sich hinblicken. Das ist in meinen Augen nicht verwerflich. Das findet auch Hans nicht verwerflich. Dennoch meint er, an der Situation würde etwas nicht stimmen und ich solle nur genauer hinschauen.


Also, nochmal. Gabel in Pizza. Messer. Gabel samt abgeschnittenem Pizzastück zum Mund. Gabel voll rein. Leer raus. Kauen.


Und da fällt es mir auf. Er schiebt sich ein neues Stück nach dem anderen in den Mund und performt Kaubewegungen. Aber er schluckt nicht.


Jetzt werde auch ich neugieriger. Das kann doch auf Dauer nicht gut gehen. Auch wenn durch das Kauen etwas von der Luft im Pizzateig herausgepresst und so das Stück insgesamt verdichtet wird, dürfte dieser Effekt durch das Einspeicheln wieder ad absurdum geführt, bzw. ins Gegenteil verkehrt werden. Damit dürfte niemals die gesamte Pizza im Mund dieses Menschen Platz haben. Was also wird weiter geschehen?


Bereits beschriebener Bewegungsablauf wiederholt sich noch ein paar Mal. Immer noch fehlt jegliche Schluckbewegung. Beim Kauen wird mittlerweile ein bisschen was von dem eingesabberten Essen sichtbar. Wirklich blickdicht ist seine Art zu kauen ohnehin nicht. Und sein Mund wird immer voller. Hans und ich sind ein wenig angeekelt, können den Blick aber nicht von ihm abwenden.


Dann kommt doch noch eine neue Bewegung in seinen Körper. Ein wellenartig sich durch seinen Körper ausbereitendes Zucken vom unteren Bauch sich nach oben sich entwickelnd ist festzustellen. Erst einmal sachte, dann nochmal etwas deutlicher. Die dritte Welle ist sehr deutlich sichtbar, schleudert seinen Kopf nach vorne und schleudert nicht nur das Essen, dass er noch im Mund hatte, sondern auch eine ordentliche Portion dessen, das er vorher doch bereits in Richtung Magen befördert haben muss, hervor und über den Tisch. Noch zwei, drei Nachbeben. Ebenfalls mit halb verdautem Essgut folgen. Dann kehrt Ruhe ein und er sackt in sich zusammen.


Der Kellner wird auf die Situation und bringt einen Putzlappen vorbei. Ganz schön mutig von ihm, die Sauerei wegzuwischen, denke ich. Doch was er macht, ist noch ein wenig konsequenter und vermutlich auch lehrreicher. Wenn es überhaupt etwas bringt. Er schmeißt dem VfB-Fan den Lappen hin und fordert ihn auf, den Tisch sauber zu machen.


Dass Besoffene besonders akkurate Putzleute wären, kann zumindest der folgende Anblick nicht bestätigen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob der Lappen wirklich viel zum Einsatz kommt oder ob nicht die Hand und der Ärmel des Pullovers ohnehin mehr aufnehmen. Wirklich interessieren tut es mich ohnehin nicht. Aber wie das so ist in solchen Situationen. Weg gucken ist mit einer Willensanstrengung verbunden. Und dafür fehlt mir im Moment die Kraft. Also schaue ich ihm zu. Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, dass es Hans nicht anders zu ergehen scheint. Ok, vielleicht hat er eine andere Motivation fürs Zuschauen. Welche, kann ich mir auch nicht erklären. Vermutlich ist es auch nur die einfachere Variante, als wegzusehen.


Nun bin ich aber doch der Meinung, dass ich besser nicht hingeschaut hätte. Er ist aus seiner Sicht mit seiner Putzaktion anscheinend durch. Zumindest schaut er auf und dann auch in meine Richtung. Für einen kurzen Moment sitzen wir da. Auge in Auge. Mich erschaudert. Ich sehe weg und stiere geradeaus. Vielleicht hat er gar nicht mitbekommen, dass ich ihn die ganze Zeit beobachtet habe.


Diese Hoffnung wird zu Nichte gemacht, als ich merke, dass er aufsteht und zu uns an den Tisch kommt. Er bleibt neben mir stehen. Legt die Hand auf meine Schulter. Ja, genau die Hand, mit der er eben noch den Tisch sauber gemacht hat. Die, mit der er die Kotze über den Tisch verteilt hat. Sie liegt auf meiner Schulter. Ich blicke erst zu ihr und dann zu ihm auf.


Schwankend sieht er mir in die Augen und meint, dass sei nicht seine Schuld und es tue ihm Leid. Aber er habe heute morgen vergessen, seine Calcium-Tabletten zu nehmen. Sonst wäre das nicht passiert.

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