Sonntag, 22. Januar 2012

Kneipenbesuch


Er saß mir gegenüber in einer dunklen, leicht stickigen Eckkneipe. Das Einzige, was ihn aufzuheitern in der Lage war, war das kurz zuvor abgeschaffte Rauchverbot in Einraumkneipen. Einraumkneipen. Ein Wort, das bis kurz zuvor niemand kannte. Dann kam das Rauchverbot und plötzlich waren die Einraumkneipen in aller Munde. Einraumkneipen, so haben wir gelernt, sind Kneipen, die, wie der Name bereits suggeriert, aus einem Raum bestehen und die insbesondere, man möchte fast annehmen, ausschließlich von Rauchern oder deren Sympathisanten oder Mitgefangenen aufgesucht zu werden scheinen. Da das Rauchen in jeder Lokalität, in der Speisen gereicht werden, nur noch in Nebenräumen erlaubt und dementsprechend im Hauptraum verboten wurde, waren die Einraumkneipenbesitzer und noch mehr natürlich die Einraumkneipenbesucher ein wenig in den Hintern gekniffen. Dass, wenn nur ein Raum vorhanden war, es sich bei diesem um den Nebenraum handeln sollte, war gerichtlich nicht durchsetzbar. Ähnlich funktioniert das auch mit Frauen. Auch hier kann man sich nur eine Nebenfrau anschaffen, wenn man bereits im Besitz (oder Eigentum?) einer Hauptfrau ist. Nur Nebenfrau geht nicht. Genauso ist auch das ausschließliche Vorhandensein eines Nebenraumes ohne den dazugehörigen Hauptraum rechtlich nicht möglich.
Der nächstliegende Versuch, die Argumentation, dass die aus der Küche gereichten, in ihrer Konsistenz sich von den Getränken unterscheidenden, nämlich festeren, Objekte nur schwerlich als Speise im engeren Sinne bezeichnet werden könnten, wurde von den Einraumkneipenbetreibern gleich wieder verworfen. Lieber pleite gehen, als die eigene Küche angemessen zu bewerten.
Es begab sich jedoch, dass in einer kleinen badischen Stadt, die berühmt war für ihre Gerichtsbarkeit, findige Richter sich im Sinne der Einraumkneipenbetreiber äußerten und dem Gesetzgeber auferlegten, er möge sein Gesetz zum Verbot von nikotinhaltigen Räucherstäbchen und artverwandter Luftbesudeler entweder ganz machen oder gar nicht. Ganz bedeutete in diesem Fall, ein komplettes Rauchverbot in sowohl dem Haupt- als auch dem oder den Nebenräumen. Was gar nicht bedeutete, war nicht ganz klar und von daher auch als Übergangslösung bis zur Entscheidung des Gesetzgebers die bevorzugte Variante. Und so wurde überwiegend stillschweigend, in manchen Örtlichkeiten, wie man sich denken kann, überwiegend in den wieder von der frischen Luft befreiten Einraumkneipen, fröhlich besingend das Rauchen im Haupt- und einzigen Raum von Einraumkneipen vorläufig wieder als erlaubt angesehen.
Daher war die Kneipe, in der wir uns gegenüber saßen, nicht nur stickig, sondern auch verraucht, was nicht zuletzt durch mein Gegenüber ausgiebig befördert wurde. Er saß mir also gegenüber und erzählte eine an sich nicht weiter interessante Geschichte über eine Begebenheit, die ihn, als sie sich einstmals zugetragen und so auch jetzt wieder emotional mitzunehmen in der Lage war und das nicht in Richtung Euphorie sondern eher Cholerie. Und um das noch ein wenig zu unterstreichen, versuchte er synchron mit der Aussage, dass er von dieser Begebenheit „einen solchen Hals gekriegt“ hätte, mit der rechten Hand, in der er gleichzeitig die halb zu Ende gerauchte Zigarette hielt, einen Würgegriff bei sich selbst anzudeuten, der in der Endposition die Dicke seines Halses, nach dem er „einen solchen Hals gekriegt“ hätte, andeuten sollte. Da bereits nicht mehr bei dem ersten Bier und ohnehin nicht mit dem allerbesten Gedächtnis ausgestattet seiend, hatte er im Zuge seiner Rage zu erinnern vergessen, dass er am Vortage bei einem Spaziergang mit seiner hoch verehrten Lebensabschnittsgefährtin, von eben jener dabei erwischt wurde, wie er einer jungen und seinen Schilderungen nach, nicht ganz unattraktiven Dame, dreist und mit wohl leicht gierigen Augen nachgeschaut hatte und dabei von seiner Lebensabschnittsgefährtin etwas unsanft den Kopf wieder nach vorne gedreht bekommen hatte, was dazu führte, dass seine Halswirbelsäule mit einem für ihn deutlich vernehmbaren Knirschen verrenkt wurde. Auf Grund dieser eher ungeschickten Episode bekam er von seinem Hausarzt eine Halskrause verschrieben, die er nicht nur postwendend bei der Apotheke seines Vertrauens gegen Vorlage eines Rezeptes und einiger weiterer Scheine erworben hatte, sondern sie auch an jenem bereits angerissenen Abend zu tragen sich bemüßigt fühlte. Diese Halskrause wiederum überstieg vom Umfang her anscheinend selbst den „solchen Hals, den er gekriegt hatte“, so dass seine zum Würgen bereite Hand nicht weit genug geöffnet war und die Fingerkuppen daher unsanft gegen die Halskrause schlugen, was mein Gegenüber verdutzte und ihn zusammenzucken ließ, wodurch wiederum die recht weit vorstehende, abgerauchte Asche seiner Zigarette abgestoßen wurde und im Schoße seiner neuen, weißen Sommerhose landete.
Auch dieses Vorkommnis führte wieder dazu, dass er „einen solchen Hals kriegte“, was nun aber durch das Vorhandensein der Halskrause offensichtlich verhindert werden konnte, seine Laune jedoch auch nicht mehr verbesserte, sondern zu weiteren Fluchattacken führte und mich dazu veranlasste, den Kellner um die Rechnung anzuflehen, damit ich diesen Ort möglichst bald verlassen könne.

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