Montag, 5. Dezember 2011

Irene

Ein Jahr ist es her, Irene, dass ich planlos durch Stuttgart lief, mit Dir im Kopf umherirrte und Dich suchte. Als ich Dich fand, hingst Du an den Lippen einer Frau. Doch wie in Stuttgart der Kopf des Bahnhofs zum Herzen Europas wurde, fandest auch Du den Weg von meinem Kopf in mein Herz, woraufhin wir beide gemeinsam ein Jahr lang durch diese Welt wanderten. Auch wenn mein Herz mir anfangs in die Hose rutschte und nicht mehr am rechten Fleck, aber dafür umso heftiger pochte. Zu Beginn, Du hattest Dich von ihr, Anna, getrennt, war meine Welt noch in Ordnung. Vor ihr seist Du noch nie mit einer anderen Frau zusammen gewesen, bei ihr habest Du Blut geleckt und wolltest nur noch mit ihr sein. Alle Tage. Und dann kam ich.
Anfangs fand ich keinen Zugang zu Dir. Die Mauer, die Du um Dich herum aufgebaut hattest, war härter, als ich und alles an mir es je hätte sein können. Ich versuchte es sanft und etwas stärker, bis ich merkte, dass das Hintertürchen geöffnet war, durch das ich hinein schlüpfen und mich langsam bis zu Deinem Herzen vorarbeiten konnte. Dort angekommen eröffnete sich mir eine Welt, von der ich niemals zuvor zu hoffen wagte, sie auch nur ansatzweise betreten zu können.
Wenn Du sangst, war es mir wie einst Odysseus der Klang der Sirenen. Wenn Du mich küsstest, wie Honig, der mir auf die Lippen und sämtliche Glieder geträufelt wurde. Ewig wollte ich in Deinen Armen liegen, die mir mehr waren, als es einem Matrosen die sieben Weltmeere sein konnten. Eng aneinander geschmiegt, Dein Körper an meinem, vereinigten wir uns zu einer Vollkommenheit, die jede durch Platon erdachte Idee um Welten überstieg. Du hießest mich einen Schwärmer und schwärmen tat ich für Dich, mein Engel, meine Gazelle und tu es noch heute.
Jetzt sitze ich hier. Mir ist's, als ruhten tausend Blicke auf mir und doch bin ich alleine. Hocke auf einer Bank, vor mir ein Tisch und ein Glas Wein. Die Erinnerung an Dich in meinem Kopf, meinem Herzen, auf meiner Haut und in meiner Seele. Erinnerungen an Dich, an das Jahr, an uns, wie es war. Eine bessere Zeit. Eine schöne. Die schönste? Die schönste!
Als ich Dich suchte, verzweifelt und ziellos, machte ich mir Gedanken, ob Du mit der Stadtbahn führest oder die Füße nähmest. Wusste ich doch damals noch nicht, dass Du am Wochenende statt der Bahn immer den Bus benutztest. Du wolltest das Unterirdische meiden, immer im Hellen Dich aufhalten. Ach, hätte ich es damals gewusst! Es hätte mir auch nichts genutzt, aber nie hätte ich Dich getroffen, immer wärest Du ein Hirngespinst geblieben. Mein Leben wäre glücklicher verlaufen. Wie ich mich heute fühle, wäre mir erspart geblieben. Ich säße nicht hier. Du wärest auch dann jetzt nicht in meinen Armen, aber ich spürte es nicht annähernd so schmerzvoll. Heute fühle ich Deine Abwesenheit stärker, als je Deine Anwesenheit in diesem einen Jahr.
Du bist wieder bei ihr. Bei Anna. Ihr seid wieder zusammen. Du Irene, Anagramm einer Niere und Du, Anna, Anagramm Deiner selbst. So, wie auch ich nur noch ein Schatten meiner selbst bin, hier sitze vor einem Glas Rotwein billiger Machart darauf wartend, die letzten Tage meines Daseins zu fristen. Einem Rattenleben gleicht das meine, seit Du mich verlassen hast und wieder in ihre Arme gerannt bist. In ihre, denen ich Dich entwöhnt wähnte und nun fest stellen muss, dass nichts zwischen uns Dir je das ersetzen konnte, was Du mit ihr erlebt hast und wieder zu erleben hoffest. Zu Eurer Ehre, Deiner, Irene und Deiner, Anna, und im Angesicht meines Rattendaseins habe ich mir ein Pülverchen besorgt, dessen Einnahme in geringer Dosis ganz Hameln auch ohne den Fänger von der Plage befreite. Für Dich, Irene, ein Gramm und für Dich, Anna, ein Gramm. Hineingeschüttet in meinen Trunk, geschüttelt, gerührt, auf dass ich euch vereine in meinem Weine, beschließ ich mein Leben auf meine Weise – still, heimlich und leise. Zum Wohl!

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen