Montag, 5. Dezember 2011

Gezielte Suche

Manchmal steht sie morgens an der Haltestelle neben mir. Sie ist einen knappen Kopf kleiner als ich und hat ihre dunklen Haare immer zu einem Pferdeschwanz gebunden, bei dem sich die vorderen Haare dem Sprühnebel am Fuße eines Wasserfalles gleich ein wenig lösen. Ihr schillernder Blick erweckt in mir immer den Eindruck, als würde sie in eine Parallelwelt linsen. Auch wenn sie läuft, wirkt es eher als tanze sie durch ein Universum, das zu unserem leicht verschoben ist. Seit einiger Zeit grüßen wir uns. Ein kurzes „Morgen“ werfe ich ihr zu, was sie mit der knappen englischen Begrüßung „Hi“ erwidert. Ich finde, das hat etwas beruhigend Bodenständiges. Darüber hinaus haben wir uns bisher noch nicht unterhalten.

Ich möchte sie sehen. Ich möchte zur Haltestelle laufen, auf die Bahn warten und sie dabei beobachten, wie sie ebenfalls wartet, etwas in ihr Notizbuch kritzelt und sich an den Dingen erfreut, die nur sie sieht und hört. Leider ist heute Samstag, so dass es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass ich sie an der Haltestelle treffen werde. Aber bis Montag zu warten, ist mir zu lange. Ich will sie jetzt sehen.

Also werde ich los ziehen und sie suchen müssen. Doch wie kann ich eine Person finden, von der ich weiß wie sie aussieht, dass sie in der gleichen Stadt wohnt und morgens hin und wieder in der gleichen Bahn fährt wie ich, aber weder ihren Namen kenne noch weiß, was sie normalerweise tut oder wo genau sie wohnt? Ich muss logisch vorgehen. Wenn ich nicht weiß, wo sie ist, dann kenne ich vielleicht Orte, an denen sie sicher nicht ist, so dass ich im Ausschlussverfahren herausfinden kann, wo sie sein muss. Ein solcher Ort fällt mir ein. Meine Wohnung. Natürlich gibt es die theoretische Chance, dass sie einfach durch die Straßen läuft, willkürlich an einem Haus stehen bleibt und einen der Klingelknöpfe drückt. Und es ist auch möglich, dass das ausgerechnet der Klingelknopf ist, der in meiner Wohnung eine Glocke ertönen lässt. Diese Wahrscheinlichkeit halte ich aber für so gering, dass ich sie in meiner jetzigen Situation glaube, vernachlässigen zu können. Sehr gut, jetzt habe ich das Suchgebiet schon mal ein wenig eingeschränkt. Fallen mir noch mehr Orte ein?

Komplett ausschließen kann ich, nach ein wenig überlegen keinen. Aber mir fallen sicherlich noch welche ein, bei denen die Wahrscheinlichkeit ebenfalls wieder so gering sein sollte, dass ich sie vernachlässigen kann. Nord- und Südpol. Auch wenn es reine Spekulation ist, setze ich beide auf meine gedankliche Ausschlussliste. Die Wüste Gobi? Kommt auch drauf. Die Sahara halte ich wieder für wahrscheinlicher. Ich setze sie daher vorsichtshalber nicht auf die Liste. Was für weitere sichere Ausschlusslokalitäten fallen mir ein? Es muss doch möglich sein, noch mehr Möglichkeiten zu finden, die so unwahrscheinlich sind, dass ich sie für den Tagesgebrauch ausschließen kann.

Ich glaube, auf diese Art nicht weiter zu kommen. Außer meiner Wohnung, der Wüste Gobi und Nord- und Südpol steht immer noch nichts auf der Liste. Vielleicht sollte ich statt der reinen Logik die Praktikabilität zu Rate ziehen. Wenn ich sie suchen und vor Montag bereits gefunden haben möchte, dann sollte ich all die Orte ausschließen, die ich innerhalb von zwei Tagen praktisch nicht aufsuchen kann. Ja, ich glaube, so komme ich weiter. Flugs fange ich an, alle Städte, Gemeinden, Landkreise, Länder, Staaten und Regionen auf die Liste zu setzen, die ich nicht so leicht erreichen kann. Oder andersherum, vielleicht sollte ich eine Positivliste erstellen und die Orte darauf setzen, die ich ohne größeren Aufwand an diesem Wochenende durchsuchen kann. Nach kurzer Überlegung bin ich soweit. Auf der Liste steht: Stuttgart Innenstadt. Geht doch. Jetzt habe ich sie fast gefunden.

Soll ich mit der Bahn fahren oder lieber laufen? Keine Ahnung, ob sie bei solch einem Sonnenschein mit der Bahn fährt oder sich auf der Straße aufhält. Wenn ich in der Bahn sitze, dann bewege ich mich zwar vorwärts, bleibe aber innerhalb des geschlossenen Systems, das sie entweder zusammen mit mir betritt oder ich habe gar keine Chance mehr, weil sie eine Bahn früher oder später genommen hat. Wenn ich laufe, dann treffe ich sie sowohl wenn sie zur gleichen Zeit mit mir startet als auch wenn sie vor mir läuft, ich aber schneller bin. Oder sie hinter mir und ich langsamer als sie. Also werde ich die paar Schritte laufen und kann so die Wahrscheinlichkeit, ihr zu begegnen schon um ein Vielfaches steigern. Auch wenn sie mir entgegen kommt, habe ich zu Fuß die Möglichkeit, sie anzuhalten. Das bliebe mir verwehrt, wenn ich in der Bahn wäre, da ich zwar die Notbremse von der Bahn, in der ich sitze ziehen könnte, aber nicht gleichzeitig auch die der entgegenkommenden. Dann würde ich den Ärger bekommen für das unbefugte Benutzen der Notbremse und das nur, um die Bahn, in der sie ist immer kleiner werden und dann verschwinden zu sehen.

Außer mir sind noch einige andere Leute unterwegs. Große, kleine, alte, junge, männliche, weibliche, dicke, dünne aber keine, die so aussieht wie die, die ich suche. Vermutlich ist sie schon in der Königstraße. Ich laufe etwas schneller. Vorsichtshalber drehe ich mich um. Nicht, dass sie hinter mir ist und nicht mehr mithalten kann, weil ich zu schnell für sie laufe. Nein, da ist sie nicht. Als ich mich wieder nach vorne drehe, kann ich gerade noch einer Frau mit Kinderwagen ausweichen, die vor mir einfach stehen geblieben ist. Werden Frauen rücksichtsloser und unaufmerksamer, sobald sie ihren Nachwuchs vor sich herschieben? Ich werfe ihr einen bösen Blick zu und setze meine Suche fort.

Jetzt habe ich die Königstraße erreicht, sehe sie aber immer noch nicht. Wahrscheinlich ist sie gerade in einem Geschäft und kommt erst heraus, wenn ich genau an diesem Laden vorbei laufe, so dass wir uns in die Arme fallen und gemeinsam einen Kaffee trinken gehen können. Wo ich schon einmal hier bin, könnte ich auch nach Schuhen gucken. Aber Moment! Wenn ich nach Schuhen für mich gucke, dann gehe ich in die Herrenabteilung und verringere so die Wahrscheinlichkeit, sie zu finden, weil ich zum Einen gar nicht weiß, ob sie überhaupt nach Schuhen guckt. Und wenn, dann würde sie sicher bei den Damenschuhen schauen. Also sollte ich Schuhgeschäfte heute besser meiden.

Das gleiche gilt für Bekleidungsgeschäfte. Auch hier würde ich in die Herrenabteilung und sie in die Damenabteilung gehen. Andererseits könnte ich sie natürlich in der Damenabteilung suchen. Was würde ich ihr aber sagen, wenn sie mir in dem Moment über den Weg liefe, wenn ich zufällig gerade vor einer dieser Deko-Puppen mit aufreizender Damenunterwäsche stünde? Die Aussage, dass ich nach ihr suche, könnte ein etwas ungeschickter Gesprächseinstieg sein. Also auch keine Bekleidungsgeschäfte.

Da fällt mir etwas ein. Der Buchladen. War ich nicht vor einigen Wochen dort und habe ein oder zwei oder so Bücher gekauft? Als ich das Geschäft gerade wieder verlassen wollte und schon am Ausgang war, blieb ich kurz stehen, weil mir auffiel, dass es sehr stark regnete und ich keinen Schirm dabei hatte. Während ich noch dastand und überlegte, warum ich nicht wenigstens einen Knirps eingepackt hatte, konnte ich aus den Augenwinkeln sehen, dass jemand direkt neben mir stehen geblieben war. Etwas irritiert schaute ich zu der Seite hinüber und da stand sie. Neben mir. Und guckte mir einfach ins Gesicht. Ohne Gruß. Da bin ich so erschrocken, dass ich schnell hinaus in den Regen und zur U-Bahn gelaufen bin. So etwas kann mir heute nicht passieren. Denn heute bin ich darauf vorbereitet, dass wir uns sehen. Der Buchladen erscheint mir als der ideale Treffpunkt.

Gerade als ich ein Schaufenster passiere, bleibt vor mir eine Figur stehen und spricht mich an. Mein Kumpel Lukas. „Na Job, was treibt Dich denn heute in die Stadt?“ - „Hi. Äh, mich? Heute in die Stadt? Nunja, ich suche eine Frau.“ - „Eine Frau? Irgendeine Frau?“ - „Nein, nein, eine spezielle.“ - „Ah. Ihr seid verabredet?“ - „Nein. Also nicht direkt. Eigentlich auch nicht indirekt. Also nicht verabredet. Aber ich habe mir gedacht, dass es sein könnte, dass sie heute auch hier ist und da wollte ich einfach mal vorbei schauen, ob ich sie sehe.“ – „Hier auf der Königstraße? Na, da kommst Du wohl besser mit mir und wir gehen ein Eis essen.“ - „Nein, störe meine Suche nicht. Das ist wichtig.“ - „Na, gut. Dann noch viel Glück. Und meld Dich mal.“, wirft er mir noch zu, als er, seine Prada-Tüte schlenkernd, wieder in der Menge verschwindet.

Da ist der Buchladen. Es zieht mich hinein und zu den Reiseführern. Ohne weiter nachzudenken schnappe ich mir einen und blättere ein wenig darin herum. Mit den Gedanken bin ich ausschließlich bei ihr. Immerhin ist gleich der Moment gekommen, an dem ich sie treffen werde. Mit zittrigen Händen friemele ich den Reiseführer wieder zurück und sehe gerade noch, dass es einer für Los Angeles war. Da könnte ich auch einmal hin fliegen, denke ich, wische mir die Hände an der Hose trocken und gehe in Richtung Ausgang. Als ich an den englischen Büchern vorbeikomme, befällt mich die Furcht, dass ich sie vielleicht doch nicht treffe, wenn ich hinaustrete. Und genau in dem Moment durchzuckt mich ein Blitz. Ich bleibe stehen, schaue in Richtung Türe und meine, sie hineinkommen zu sehen. Doch durch das helle Sonnenlicht hinter ihr wirkt die Erscheinung irgendwie surreal. Ich reibe mir die Augen und sehe noch einmal hin. Sie ist es. Der Grund meiner Suche läuft durch die Türe, bleibt stehen und dreht sich zu der Person in ihrem Arm. Sie schauen sich in die Augen und fangen an sich zu küssen. Verwirrt und aus meiner Traumwelt gerissen strebe ich nach draußen, wobei ich mich noch an einem Typen vorbei schieben muss, der die beiden anschaut, als hätte er noch nie gesehen, wie sich zwei Frauen küssen.

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