Donnerstag, 15. Dezember 2011

Das ist nicht meine Aufgabe

Boxer B schlägt Boxer A einen rechten Haken auf die Fresse. A fliegt, landet auf dem Boden und gibt ein schlechtes Bild ab. B tänzelt herum um A und in die neutrale Ecke. A liegt, B jubelt, der Ringrichter zählt. Bei acht hält er inne, als würde er aufge­ben. B hebt die Arme. A versucht das gleiche mit seinem Körper. Versucht, sich zu erheben, sackt in sich zusammen. Der Ringrichter zählt neun und zehn. Wedelt mit den Armen. B rastet aus und rennt durch den Ring. A stützt sich auf. Schaut benommen. Will sich die Niederlage nicht eingestehen. Scheint sagen zu wollen, das ist nicht meine Aufgabe. Aber sein Körper gibt auf. Ruhe. Ich schalte aus.

Einen Moment noch bleibe ich sitzen, starre auf den schwarzen Schirm. Kontempliere gedankenlos. Dunkelheit umfängt mich, die Au­gen geschlossen. Ich sehe mich, kämpfend im Kampf des Lebens. Schläge einsteckend. Taumelnd. Stürzend. Will nicht aufgeben, son­dern meine Aufgabe erledigen. Wie das Leben mich erledigt. Ich träume vom großen Kampf und muss doch einsehen, dass ich wie A im Vorkampf auf den Brettern liege. Klein. In mich versunken. Erle­digt.

Ich öffne die Augen und schüttele mich. Nehme einen Schluck. Rotwein. Raffe mich auf und gehe zum Schreibtisch. Das leere Blatt auf der großen Fläche. Weiß starrt es mich an. Nur das Thema oben auf der Seite. „Dafür bin ich nicht zuständig.“ Warum sitze ich dann hier? Niedergeschlagen von der Weißheit des Papiers, dem meine Weisheit nichts entgegen setzen kann. Wie der Yorkshire Terrier den Pitbull ankläfft. Meine Weisheit gegen die Weißheit der Leere.

Aber ich gebe nicht auf. Stelle mich der Aufgabe. Stelle mir vor, es wäre nicht meine Aufgabe. Wie der Tennis-Spieler, der nach ver­patztem Service sinniert, das war nicht meine Aufgabe. Meine Auf­gabe drängte den Gegner in die Defensive und erlaubte mir einen starken Angriff, der spielend leicht zum Sieg oder seiner Aufgabe führte. Ich lecke die Spitze des Kulis, denke an Sex. Verschwommen, die Erinnerung verblasst. Zurück in die Realität mit einem Schluck Weines. In vino veritas. Doch wer möchte das? Konfrontiert mit meinem Dasein. Des Blattes ähnlich, das immer noch leer vor mir liegt. Schwanger mit Möglichkeiten. Mannigfaltig. Doch keine realisiert sich.

Der feuchte Kuli gleitet über die Seite. Hinterlässt Spuren. Will­kürlich. Ich trinke weiter und hoffe so, die Fähigkeit mir einzu­verleiben, die Spuren zu lesen. Die Wahrheit hinter der Kritzelei des Kulis, meiner Lebensbahn zu entdecken. Schlauer zu werden. Aus dem Kuli. Der Welt. Mir.

Mein Kopf sinkt auf das Blatt. Die feuchte Stirn nimmt die Striche des Kulis auf, überträgt das chaotische Netz durch die Haut in mein Hirn. Es dringt in mich ein, durchmischt sich mit meinen Ge­danken. Das Muster passt. Ein Geistesblitz durchzuckt mich. Lässt mich willkürlich zuckend zurück, verlässt mich durch den After. Ein Pups und ich schlafe gedankenlos ein.

Am nächsten Morgen wache ich auf. Der Kopf auf dem Blatt, dieses gewellt, dort, wo vorher mein Mund sich befunden. Angewidert knül­le ich es zusammen und schmeiße es in die Ecke. Ich stehe auf, gehe ins Bad und putze mir die Zähne. Zweimal. Einmal rückwirkend. Einmal für den heutigen Tag. In der Küche brühe ich mir einen Kaf­fee. Mein Kopf brütet über den Kampf der letzten Nacht. Den im Fernsehen. Und den in mir. Es ist sinnlos. Ich stürze den heißen Kaffee hinunter, verbrühe mir die Lippen, die Zunge, den Mund. Spucke den Kaffee sprühend in die Spüle und stütze mich auf dem Rand der Spüle ab. Der Kopf hängt, Speichel, mit Restkaffee durchsetzt, tropft. Mit der Hand wische ich ihn weg. Gehe zum Schreibtisch, nehme den Wein und schütte ihn ebenfalls in die Spüle. Dem Kaffee, meinem Speichel hinterher in das Abwassersystem meiner Stadt. Nicht mehr meine Aufgabe, mich um ihn zu kümmern.

Den restlichen Wein aus der Flasche schütte ich ebenfalls hinter­her. Meine Aufgabe, mit Hilfe des Weines die Wahrheit zu finden. Ich sehe es vor mir: der Geschmack fehlt mir. Dafür bin ich nicht mehr ständig zu.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen