Mittwoch, 28. Dezember 2011

Berlin Gothic v. Jonas #Winner

Dieses Buch hat mich nicht durchgängig überzeugt, macht aber irgendwie Lust auf mehr. Das ist teilweise schon wieder so abgefahren, dass ich es interessant fand. Und es sind im ersten Teil auch noch ein paar Dinge offen geblieben (wen überrascht es, bei einem Fortsetzungsroman...), die ich gerne noch aufgeklärt hätte.

Es fällt sicher nicht unter die Kategorie "Muss man gelesen haben", aber wenn man Lust an Absonderlichkeiten hat, dann lohnt ein Blick hinein wohl schon. Auch wenn ich zwischendurch nicht immer das Gefühl hatte, dass das was da beschrieben wird, realistisch ist. Ist die Frage, ob das bei einem Buch immer der Fall sein muss. Vermutlich nicht. Ok, sicher nicht. Aber es gibt Stellen, an denen finde ich es einfach störend. Und davon gab es in dem Buch welche.

#Ebarmen v. Jussi #Adler-Olson

Nach langem Immermalwiedersehen mein erster Adler-Olson. Vermutlich waren meine Erwartungen ein wenig zu hoch. Denen war er nicht ganz gewachsen. Auch wenn ich finde, dass es insgesamt ein sehr guter Thriller ist. Aber nachdem soviel Aufhebens darum gemacht wird, hätte ich ein wenig mehr erwartet.

Der syrische Assistent ist natürlich immer wieder für einen Lacher gut und vermutlich gab es ein solches Ermittlerduo vorher auch noch nicht. Und das ist dann vielleicht auch gleich schon wieder mein Problem damit. Es gibt vermutlich einen ziemlichen Druck, Ermittler zu präsentieren, die es noch nicht gab. Klar, warum sollte sonst irgendjemand das Buch lesen. Damit wirkt es aber - zumindest auf mich - auch schon wieder ein wenig gekünstelt und gewollt.

Andererseits der Kommissar. Kommt mir grundsätzlich irgendwie bekannt vor. Ok, der hier ist nochmal ein wenig mehr getroffen. Aber das war es auch schon. Der eigentlich einsame Ermittler, der nicht teamfähig ist. Dann aber wieder für seinen Assistenten gerne rausfindet, in welcher Richtung er seinen Gebetsteppich ausrichten muss.

Und dass der Assistent noch einige Geheimnisse hat, riecht beim Lesen schon verdammt nach Fortsetzung.

Sprachlich habe ich ich mich zwischen durch immer wieder gefragt, ob die Unebenheiten im Original auch vorkommen oder ob hier der Übersetzer ein wenig geplättet hat. An sich ist er m.E. nämlich sauber und ordentlich, wenn auch sprachlich nicht sehr anspruchsvoll, geschrieben. Und dann kommen auf einmal so platte Sätze, die mir jetzt natürlich gerade nicht zur Hand, beim Lesen aber störend aufgefallen sind.

Die Handlung im Gesamten fand ich sehr spannend, so dass sich das Lesen sicherlich gelohnt hat. Nur sollte man vielleicht nicht mit den allergrößten Erwartungen rangehen, die das Buch dann eben doch nicht so ganz erfüllen kann.

Der #Porno Teil 1 - Wie alles begann.. von @AutorinManuelaN

Porno und Nagel passt natürlich erstmal perfekt zusammen. Das ist quasi der Nagel auf den Kopf gekommen oder wie das Sprichwort nochmal hieß

Ok, genug des einfalls- und geschmacklosen Wortwitzes. Hat mir das Buch gefallen? Ich bin mir ein wenig unschlüssig. Lustig ist es, ja. Vermutlich sagt das Folgende über mich mehr aus als über das Buch. Dennoch, beim Lesen hat mich immer wieder das Gefühl beschlichen, dass da jemand geschrieben hat, der sich selber nicht immer sicher war, ob er bzw. eigentlich ja sie, das internetial aufbereitete Porno-Angebot gut finden soll oder nicht. Zumindest ein gewisses Interesse scheint da zu sein. Aber doch auch wieder gepaart mit der Einstellung, dass das doch eigentlich Schmuddelkram ist und man sich daher besser darüber lustig machen sollte.

Das wäre vermutlich ein weit verbreitetes Fänomehn (korrekt nach neuer Rechtschreibung??), hat mich aber beim Lesen etwas gestört. Was will uns der Autor damit sagen? Eigentlich eine sch... Frage. Aber ich scheine mittlerweile in einem Alter zu sein, in dem ich mir selbst solche Fragen stelle. Ich suche nicht nach einer Moral. Aber ein Thema wäre schön. Und das schwebt bei dem Buch m.E. zwischen Porno und Darüberkichern.

Im 2. Teil soll es dann um den G-Punkt g-hen. Das stelle ich mir wie eine Art altertümliche Schatzkarte vor. Ob ich ihr folgen soll?

Die #Haischwimmerin von Heinrich #Steinfest

Nunja, Steinfest eben :o) hintergründig humorvoll. Allerdings hatte ich zwischendurch den Eindruck, dass es weniger rasant ist, als andere Bücher, die ich von ihm gelesen hatte.

Aber die Zeit, die das Buch in Anspruch nimmt, lohnt sich aus meiner Sicht allemal! Seine Ideen sind mitunter so skurril, das ist einfach nur herrlich.

Die Story? Eigentlich bei ihm mehr oder weniger irrelevant, oder? Auch dass die Begebenheiten und Landschaften in der dargestellten Form nicht wirklich realistisch sind, tut nichts zur Sache. Denn was Steinfest immer wieder gelingt, ist durch die karikaturhafte Überzeichnung der Charaktere und Landschaften, der Menschheit einen Zerr-Spiegel vorzuhalten, in dem sämtliche uns an sich vertrauten Merkmale, die wir gerne unter den gedanklichen Teppich kehren, um ein Vielfaches vergrößert erscheinen. Das gibt einem beim Lesen wahrscheinlich die Möglichkeit, darüber hinwegzudenken. Aber tief drinnen macht sich das Gefühl breit, dass da gerade von einem selbst die Schreibe ist.

Besonders herrlich aus meiner Sicht die Kampftechnik, bei der Ivo seinen Gegner umhaucht. Nicht nur die Idee ist grandios, sondern auch die Schilderung, wie er diese Technik anwendet. Da (wie auch an vielen weiteren Stellen) lohnt es sich aus meiner Sicht, etwas langsamer zu lesen und sich einfach mal vorzustellen, was da gerade eigentlich wirklich beschrieben wird. Erst so kann sich die Skurrilität so richtig schön entfalten.

Insgesamt also ein herrliches Buch, das von mir eine klare Kaufempfehlung bekommt.

Sonntag, 25. Dezember 2011

Unterwegs im Namen des Herrn v. Thomas #Glavinic

Was will mir dieses Buch sagen? Wollte der Ich-Erzähler wirklich wissen, wie sich Pilger verhalten und was für Menschen das sind? Dann hätte er sich vielleicht auch mal ein bisschen mit ihnen unterhalten sollen und nicht immer weiter in seinen Vorurteilen schwelgen. Das Kennenlernen hat er seinem mitreisenden Freund Ingo (die Namenswahl ist aus meiner Sicht das Beste am gesamten Buch) überlassen. Der hat ihm dann natürlich regelmäßig seine Vorurteile bestätigt.

Vermutlich ging es Glavinic genau darum. Zu zeigen, was für Vorurteile es gibt. Wollte er sich dem Glauben nähern? An dem Punkt bin ich mir unsicher. An sich eher nicht. Aber warum liest er dann ständig die Botschaften von Gospa? Und warum hat er sie sich überhaupt eingesteckt? Was er von den Dingern hält, ist mir nicht ganz klar geworden. Ich hatte den Eindruck, eher nicht so viel. Aber ein ums andere Mal zieht er doch wieder eine der Botschaften raus und liest sie. Damit unterscheidet er sich auch von mir. Mir gingen die Dinger so sehr auf den Geist, dass ich sie gegen Ende nicht mehr gelesen habe. Ok, vielleicht hätte sich sonst mehr erklärt...

Soll die Hilfe, die er dem Schweizer auf dem Rückflug angedeihen lässt, einen Hinweis darauf geben, dass er von dieser Pilgerreise dann doch ein wenig geläuterter zurück kommt?

Etwas unterhaltsamer als die Pilgerreise an sich fand ich dann doch noch den Ausflug zu dem Freund seines Vaters. Auch wenn mir hier ebenfalls nicht wirklich klar geworden ist, was das ganze soll. Mussten noch ein paar Seiten gefüllt werden und die Pilgerreise wurde auch Glavinic zu langweilig? Oder wollte er nur einfach noch eine Ziege erschießen?

Achja, was ich auch noch ein wenig nervig fand war die ganze Tablettenschluckerei und Trinkerei. Im Prinzip haben sich Icherzähler und Ingo ja nur von Getränk zu Getränk bzw.von Tablette zu Tablette gehangelt. Naja, vielleicht sollte ich die Tabletten auch mal alle ausprobieren und werde dann feststellen, dass ich dann auch an nichts anderes mehr denken kann.

#Level26: Dunkle Seele v. Anthony E. #Zuiker

Vorneweg: ich habe das Buch gelesen, als ich keinen Internet-Zugang hatte und konnte daher die Videos nicht ansehen. Lesen kann man das Buch aber auch so.

Angepriesen wird das Buch - neben dem cross-medialen Einschub über die Videos - über die Blutrünstigkeit des Killers. Der Prototyp einer extra gewalttätigen "Gattung". Eben des Level 26 Killers. Fand ich das Buch besonders blutrünstig? Nunja, eigentlich nicht wirklich. Vielleicht spricht das jetzt ein wenig gegen mich, ändert aber nichts an meiner Einschätzung ;o)

Insgesamt ein Buch, das leicht wegzulesen ist und ich dann auch geistig eigentlich gleich weggelegt habe. Warum schreibe ich dann hier? Nunja, vielleicht findet diesen Text ja jemand, der das Buch auch gelesen und ebenfalls eine Meinung dazu hat. Dann her damit.

P.S.: ...und das Video-Schauen werde ich natürlich noch nachholen...

Die #Eindringlinge v. Michael Marshall

Nachdem der Klappentext das Buch Leuten empfiehlt, die Cody McFadyen, Steven King und Dean Koontz gut finden, habe ich es mir auch zugelegt und mehr oder weniger in einem Stück gelesen (zu einem Band von Dean Koontz werde ich dann wohl auch mal greifen müssen...).

Der Thriller wird - nicht weiter überraschend - aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Eine davon in der 1. Person, so dass ich sehr stark in das Geschehen herein gezogen wurde. Die anderen entsprechend jeweils in der 3. Person, allerdings auch mit leicht variierenden Stimmen, so dass schon an der Sprache erkennbar ist, wem man gerade auf den Fersen ist.

Die obligatorischen Cliffhanger haben mir erlaubt, das Buch nicht weg legen zu müssen. Geschrieben ist es aus meiner Sicht also gut. Sprachlich sauber und eben spannend geschrieben.

Was die Sache für mich ein wenig gruselig gemacht ist, dass es nicht völlig abgefahrene Situationen sind, die beschrieben werden, sondern Alltagsphänomene, die über die Eindringlinge "erklärt" werden. Wobei aus meiner Sicht bis zum Schluss nicht klar ist, ob es die Eindringlinge wirklich gibt oder eben nicht. Dadurch wurde jedenfalls bei mir der Effekt hervor gerufen, dass ich gedanklich immer wieder abgeschweift bin und mir überlegt hatte, wann sich bei mir derletzt bzw. irgendwann in der Vergangenheit "mein Eindringling" gemeldet hat.

Noch dazu ist nicht ganz klar, wer genau der Ich-Erzähler eigentlich ist und was er in seiner Vergangenheit alles angestellt hat. Wer ist der Gute, wer ist der Böse und was von dem Erzählten ist "wahr" und was ist nur eingebildet?

Kurz und gut, aus meiner Sicht ein lohnenswertes Buch für die gute Unterhaltung zwischendurch.

Andere Meinungen sind herzlich willkommen...

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Das ist nicht meine Aufgabe

Boxer B schlägt Boxer A einen rechten Haken auf die Fresse. A fliegt, landet auf dem Boden und gibt ein schlechtes Bild ab. B tänzelt herum um A und in die neutrale Ecke. A liegt, B jubelt, der Ringrichter zählt. Bei acht hält er inne, als würde er aufge­ben. B hebt die Arme. A versucht das gleiche mit seinem Körper. Versucht, sich zu erheben, sackt in sich zusammen. Der Ringrichter zählt neun und zehn. Wedelt mit den Armen. B rastet aus und rennt durch den Ring. A stützt sich auf. Schaut benommen. Will sich die Niederlage nicht eingestehen. Scheint sagen zu wollen, das ist nicht meine Aufgabe. Aber sein Körper gibt auf. Ruhe. Ich schalte aus.

Einen Moment noch bleibe ich sitzen, starre auf den schwarzen Schirm. Kontempliere gedankenlos. Dunkelheit umfängt mich, die Au­gen geschlossen. Ich sehe mich, kämpfend im Kampf des Lebens. Schläge einsteckend. Taumelnd. Stürzend. Will nicht aufgeben, son­dern meine Aufgabe erledigen. Wie das Leben mich erledigt. Ich träume vom großen Kampf und muss doch einsehen, dass ich wie A im Vorkampf auf den Brettern liege. Klein. In mich versunken. Erle­digt.

Ich öffne die Augen und schüttele mich. Nehme einen Schluck. Rotwein. Raffe mich auf und gehe zum Schreibtisch. Das leere Blatt auf der großen Fläche. Weiß starrt es mich an. Nur das Thema oben auf der Seite. „Dafür bin ich nicht zuständig.“ Warum sitze ich dann hier? Niedergeschlagen von der Weißheit des Papiers, dem meine Weisheit nichts entgegen setzen kann. Wie der Yorkshire Terrier den Pitbull ankläfft. Meine Weisheit gegen die Weißheit der Leere.

Aber ich gebe nicht auf. Stelle mich der Aufgabe. Stelle mir vor, es wäre nicht meine Aufgabe. Wie der Tennis-Spieler, der nach ver­patztem Service sinniert, das war nicht meine Aufgabe. Meine Auf­gabe drängte den Gegner in die Defensive und erlaubte mir einen starken Angriff, der spielend leicht zum Sieg oder seiner Aufgabe führte. Ich lecke die Spitze des Kulis, denke an Sex. Verschwommen, die Erinnerung verblasst. Zurück in die Realität mit einem Schluck Weines. In vino veritas. Doch wer möchte das? Konfrontiert mit meinem Dasein. Des Blattes ähnlich, das immer noch leer vor mir liegt. Schwanger mit Möglichkeiten. Mannigfaltig. Doch keine realisiert sich.

Der feuchte Kuli gleitet über die Seite. Hinterlässt Spuren. Will­kürlich. Ich trinke weiter und hoffe so, die Fähigkeit mir einzu­verleiben, die Spuren zu lesen. Die Wahrheit hinter der Kritzelei des Kulis, meiner Lebensbahn zu entdecken. Schlauer zu werden. Aus dem Kuli. Der Welt. Mir.

Mein Kopf sinkt auf das Blatt. Die feuchte Stirn nimmt die Striche des Kulis auf, überträgt das chaotische Netz durch die Haut in mein Hirn. Es dringt in mich ein, durchmischt sich mit meinen Ge­danken. Das Muster passt. Ein Geistesblitz durchzuckt mich. Lässt mich willkürlich zuckend zurück, verlässt mich durch den After. Ein Pups und ich schlafe gedankenlos ein.

Am nächsten Morgen wache ich auf. Der Kopf auf dem Blatt, dieses gewellt, dort, wo vorher mein Mund sich befunden. Angewidert knül­le ich es zusammen und schmeiße es in die Ecke. Ich stehe auf, gehe ins Bad und putze mir die Zähne. Zweimal. Einmal rückwirkend. Einmal für den heutigen Tag. In der Küche brühe ich mir einen Kaf­fee. Mein Kopf brütet über den Kampf der letzten Nacht. Den im Fernsehen. Und den in mir. Es ist sinnlos. Ich stürze den heißen Kaffee hinunter, verbrühe mir die Lippen, die Zunge, den Mund. Spucke den Kaffee sprühend in die Spüle und stütze mich auf dem Rand der Spüle ab. Der Kopf hängt, Speichel, mit Restkaffee durchsetzt, tropft. Mit der Hand wische ich ihn weg. Gehe zum Schreibtisch, nehme den Wein und schütte ihn ebenfalls in die Spüle. Dem Kaffee, meinem Speichel hinterher in das Abwassersystem meiner Stadt. Nicht mehr meine Aufgabe, mich um ihn zu kümmern.

Den restlichen Wein aus der Flasche schütte ich ebenfalls hinter­her. Meine Aufgabe, mit Hilfe des Weines die Wahrheit zu finden. Ich sehe es vor mir: der Geschmack fehlt mir. Dafür bin ich nicht mehr ständig zu.

Dienstag, 6. Dezember 2011

#stuttgartbookclub

Stuttgartbookclub is an english speaking bookclub (ok, as the name already suggests) in ... jepp Stuttgart. We meet on unregular Fridays in Forum3 cafe to discuss books that have to be written originally in English and which should be prose.

Next meeting will be on 13 January at 7pm to discuss Orwell's 1984. Any new members (no membership required (actually, not even possible)) are always more than welcome.

Best thing is: da können auch Leute wie ich hin, die eigentlich deutsch reden, sich aber gerne auch mal durch das englische wurschdeln. Also einfach mal vorbei kommen!

Montag, 5. Dezember 2011

Irene

Ein Jahr ist es her, Irene, dass ich planlos durch Stuttgart lief, mit Dir im Kopf umherirrte und Dich suchte. Als ich Dich fand, hingst Du an den Lippen einer Frau. Doch wie in Stuttgart der Kopf des Bahnhofs zum Herzen Europas wurde, fandest auch Du den Weg von meinem Kopf in mein Herz, woraufhin wir beide gemeinsam ein Jahr lang durch diese Welt wanderten. Auch wenn mein Herz mir anfangs in die Hose rutschte und nicht mehr am rechten Fleck, aber dafür umso heftiger pochte. Zu Beginn, Du hattest Dich von ihr, Anna, getrennt, war meine Welt noch in Ordnung. Vor ihr seist Du noch nie mit einer anderen Frau zusammen gewesen, bei ihr habest Du Blut geleckt und wolltest nur noch mit ihr sein. Alle Tage. Und dann kam ich.
Anfangs fand ich keinen Zugang zu Dir. Die Mauer, die Du um Dich herum aufgebaut hattest, war härter, als ich und alles an mir es je hätte sein können. Ich versuchte es sanft und etwas stärker, bis ich merkte, dass das Hintertürchen geöffnet war, durch das ich hinein schlüpfen und mich langsam bis zu Deinem Herzen vorarbeiten konnte. Dort angekommen eröffnete sich mir eine Welt, von der ich niemals zuvor zu hoffen wagte, sie auch nur ansatzweise betreten zu können.
Wenn Du sangst, war es mir wie einst Odysseus der Klang der Sirenen. Wenn Du mich küsstest, wie Honig, der mir auf die Lippen und sämtliche Glieder geträufelt wurde. Ewig wollte ich in Deinen Armen liegen, die mir mehr waren, als es einem Matrosen die sieben Weltmeere sein konnten. Eng aneinander geschmiegt, Dein Körper an meinem, vereinigten wir uns zu einer Vollkommenheit, die jede durch Platon erdachte Idee um Welten überstieg. Du hießest mich einen Schwärmer und schwärmen tat ich für Dich, mein Engel, meine Gazelle und tu es noch heute.
Jetzt sitze ich hier. Mir ist's, als ruhten tausend Blicke auf mir und doch bin ich alleine. Hocke auf einer Bank, vor mir ein Tisch und ein Glas Wein. Die Erinnerung an Dich in meinem Kopf, meinem Herzen, auf meiner Haut und in meiner Seele. Erinnerungen an Dich, an das Jahr, an uns, wie es war. Eine bessere Zeit. Eine schöne. Die schönste? Die schönste!
Als ich Dich suchte, verzweifelt und ziellos, machte ich mir Gedanken, ob Du mit der Stadtbahn führest oder die Füße nähmest. Wusste ich doch damals noch nicht, dass Du am Wochenende statt der Bahn immer den Bus benutztest. Du wolltest das Unterirdische meiden, immer im Hellen Dich aufhalten. Ach, hätte ich es damals gewusst! Es hätte mir auch nichts genutzt, aber nie hätte ich Dich getroffen, immer wärest Du ein Hirngespinst geblieben. Mein Leben wäre glücklicher verlaufen. Wie ich mich heute fühle, wäre mir erspart geblieben. Ich säße nicht hier. Du wärest auch dann jetzt nicht in meinen Armen, aber ich spürte es nicht annähernd so schmerzvoll. Heute fühle ich Deine Abwesenheit stärker, als je Deine Anwesenheit in diesem einen Jahr.
Du bist wieder bei ihr. Bei Anna. Ihr seid wieder zusammen. Du Irene, Anagramm einer Niere und Du, Anna, Anagramm Deiner selbst. So, wie auch ich nur noch ein Schatten meiner selbst bin, hier sitze vor einem Glas Rotwein billiger Machart darauf wartend, die letzten Tage meines Daseins zu fristen. Einem Rattenleben gleicht das meine, seit Du mich verlassen hast und wieder in ihre Arme gerannt bist. In ihre, denen ich Dich entwöhnt wähnte und nun fest stellen muss, dass nichts zwischen uns Dir je das ersetzen konnte, was Du mit ihr erlebt hast und wieder zu erleben hoffest. Zu Eurer Ehre, Deiner, Irene und Deiner, Anna, und im Angesicht meines Rattendaseins habe ich mir ein Pülverchen besorgt, dessen Einnahme in geringer Dosis ganz Hameln auch ohne den Fänger von der Plage befreite. Für Dich, Irene, ein Gramm und für Dich, Anna, ein Gramm. Hineingeschüttet in meinen Trunk, geschüttelt, gerührt, auf dass ich euch vereine in meinem Weine, beschließ ich mein Leben auf meine Weise – still, heimlich und leise. Zum Wohl!

Gezielte Suche

Manchmal steht sie morgens an der Haltestelle neben mir. Sie ist einen knappen Kopf kleiner als ich und hat ihre dunklen Haare immer zu einem Pferdeschwanz gebunden, bei dem sich die vorderen Haare dem Sprühnebel am Fuße eines Wasserfalles gleich ein wenig lösen. Ihr schillernder Blick erweckt in mir immer den Eindruck, als würde sie in eine Parallelwelt linsen. Auch wenn sie läuft, wirkt es eher als tanze sie durch ein Universum, das zu unserem leicht verschoben ist. Seit einiger Zeit grüßen wir uns. Ein kurzes „Morgen“ werfe ich ihr zu, was sie mit der knappen englischen Begrüßung „Hi“ erwidert. Ich finde, das hat etwas beruhigend Bodenständiges. Darüber hinaus haben wir uns bisher noch nicht unterhalten.

Ich möchte sie sehen. Ich möchte zur Haltestelle laufen, auf die Bahn warten und sie dabei beobachten, wie sie ebenfalls wartet, etwas in ihr Notizbuch kritzelt und sich an den Dingen erfreut, die nur sie sieht und hört. Leider ist heute Samstag, so dass es nicht sehr wahrscheinlich ist, dass ich sie an der Haltestelle treffen werde. Aber bis Montag zu warten, ist mir zu lange. Ich will sie jetzt sehen.

Also werde ich los ziehen und sie suchen müssen. Doch wie kann ich eine Person finden, von der ich weiß wie sie aussieht, dass sie in der gleichen Stadt wohnt und morgens hin und wieder in der gleichen Bahn fährt wie ich, aber weder ihren Namen kenne noch weiß, was sie normalerweise tut oder wo genau sie wohnt? Ich muss logisch vorgehen. Wenn ich nicht weiß, wo sie ist, dann kenne ich vielleicht Orte, an denen sie sicher nicht ist, so dass ich im Ausschlussverfahren herausfinden kann, wo sie sein muss. Ein solcher Ort fällt mir ein. Meine Wohnung. Natürlich gibt es die theoretische Chance, dass sie einfach durch die Straßen läuft, willkürlich an einem Haus stehen bleibt und einen der Klingelknöpfe drückt. Und es ist auch möglich, dass das ausgerechnet der Klingelknopf ist, der in meiner Wohnung eine Glocke ertönen lässt. Diese Wahrscheinlichkeit halte ich aber für so gering, dass ich sie in meiner jetzigen Situation glaube, vernachlässigen zu können. Sehr gut, jetzt habe ich das Suchgebiet schon mal ein wenig eingeschränkt. Fallen mir noch mehr Orte ein?

Komplett ausschließen kann ich, nach ein wenig überlegen keinen. Aber mir fallen sicherlich noch welche ein, bei denen die Wahrscheinlichkeit ebenfalls wieder so gering sein sollte, dass ich sie vernachlässigen kann. Nord- und Südpol. Auch wenn es reine Spekulation ist, setze ich beide auf meine gedankliche Ausschlussliste. Die Wüste Gobi? Kommt auch drauf. Die Sahara halte ich wieder für wahrscheinlicher. Ich setze sie daher vorsichtshalber nicht auf die Liste. Was für weitere sichere Ausschlusslokalitäten fallen mir ein? Es muss doch möglich sein, noch mehr Möglichkeiten zu finden, die so unwahrscheinlich sind, dass ich sie für den Tagesgebrauch ausschließen kann.

Ich glaube, auf diese Art nicht weiter zu kommen. Außer meiner Wohnung, der Wüste Gobi und Nord- und Südpol steht immer noch nichts auf der Liste. Vielleicht sollte ich statt der reinen Logik die Praktikabilität zu Rate ziehen. Wenn ich sie suchen und vor Montag bereits gefunden haben möchte, dann sollte ich all die Orte ausschließen, die ich innerhalb von zwei Tagen praktisch nicht aufsuchen kann. Ja, ich glaube, so komme ich weiter. Flugs fange ich an, alle Städte, Gemeinden, Landkreise, Länder, Staaten und Regionen auf die Liste zu setzen, die ich nicht so leicht erreichen kann. Oder andersherum, vielleicht sollte ich eine Positivliste erstellen und die Orte darauf setzen, die ich ohne größeren Aufwand an diesem Wochenende durchsuchen kann. Nach kurzer Überlegung bin ich soweit. Auf der Liste steht: Stuttgart Innenstadt. Geht doch. Jetzt habe ich sie fast gefunden.

Soll ich mit der Bahn fahren oder lieber laufen? Keine Ahnung, ob sie bei solch einem Sonnenschein mit der Bahn fährt oder sich auf der Straße aufhält. Wenn ich in der Bahn sitze, dann bewege ich mich zwar vorwärts, bleibe aber innerhalb des geschlossenen Systems, das sie entweder zusammen mit mir betritt oder ich habe gar keine Chance mehr, weil sie eine Bahn früher oder später genommen hat. Wenn ich laufe, dann treffe ich sie sowohl wenn sie zur gleichen Zeit mit mir startet als auch wenn sie vor mir läuft, ich aber schneller bin. Oder sie hinter mir und ich langsamer als sie. Also werde ich die paar Schritte laufen und kann so die Wahrscheinlichkeit, ihr zu begegnen schon um ein Vielfaches steigern. Auch wenn sie mir entgegen kommt, habe ich zu Fuß die Möglichkeit, sie anzuhalten. Das bliebe mir verwehrt, wenn ich in der Bahn wäre, da ich zwar die Notbremse von der Bahn, in der ich sitze ziehen könnte, aber nicht gleichzeitig auch die der entgegenkommenden. Dann würde ich den Ärger bekommen für das unbefugte Benutzen der Notbremse und das nur, um die Bahn, in der sie ist immer kleiner werden und dann verschwinden zu sehen.

Außer mir sind noch einige andere Leute unterwegs. Große, kleine, alte, junge, männliche, weibliche, dicke, dünne aber keine, die so aussieht wie die, die ich suche. Vermutlich ist sie schon in der Königstraße. Ich laufe etwas schneller. Vorsichtshalber drehe ich mich um. Nicht, dass sie hinter mir ist und nicht mehr mithalten kann, weil ich zu schnell für sie laufe. Nein, da ist sie nicht. Als ich mich wieder nach vorne drehe, kann ich gerade noch einer Frau mit Kinderwagen ausweichen, die vor mir einfach stehen geblieben ist. Werden Frauen rücksichtsloser und unaufmerksamer, sobald sie ihren Nachwuchs vor sich herschieben? Ich werfe ihr einen bösen Blick zu und setze meine Suche fort.

Jetzt habe ich die Königstraße erreicht, sehe sie aber immer noch nicht. Wahrscheinlich ist sie gerade in einem Geschäft und kommt erst heraus, wenn ich genau an diesem Laden vorbei laufe, so dass wir uns in die Arme fallen und gemeinsam einen Kaffee trinken gehen können. Wo ich schon einmal hier bin, könnte ich auch nach Schuhen gucken. Aber Moment! Wenn ich nach Schuhen für mich gucke, dann gehe ich in die Herrenabteilung und verringere so die Wahrscheinlichkeit, sie zu finden, weil ich zum Einen gar nicht weiß, ob sie überhaupt nach Schuhen guckt. Und wenn, dann würde sie sicher bei den Damenschuhen schauen. Also sollte ich Schuhgeschäfte heute besser meiden.

Das gleiche gilt für Bekleidungsgeschäfte. Auch hier würde ich in die Herrenabteilung und sie in die Damenabteilung gehen. Andererseits könnte ich sie natürlich in der Damenabteilung suchen. Was würde ich ihr aber sagen, wenn sie mir in dem Moment über den Weg liefe, wenn ich zufällig gerade vor einer dieser Deko-Puppen mit aufreizender Damenunterwäsche stünde? Die Aussage, dass ich nach ihr suche, könnte ein etwas ungeschickter Gesprächseinstieg sein. Also auch keine Bekleidungsgeschäfte.

Da fällt mir etwas ein. Der Buchladen. War ich nicht vor einigen Wochen dort und habe ein oder zwei oder so Bücher gekauft? Als ich das Geschäft gerade wieder verlassen wollte und schon am Ausgang war, blieb ich kurz stehen, weil mir auffiel, dass es sehr stark regnete und ich keinen Schirm dabei hatte. Während ich noch dastand und überlegte, warum ich nicht wenigstens einen Knirps eingepackt hatte, konnte ich aus den Augenwinkeln sehen, dass jemand direkt neben mir stehen geblieben war. Etwas irritiert schaute ich zu der Seite hinüber und da stand sie. Neben mir. Und guckte mir einfach ins Gesicht. Ohne Gruß. Da bin ich so erschrocken, dass ich schnell hinaus in den Regen und zur U-Bahn gelaufen bin. So etwas kann mir heute nicht passieren. Denn heute bin ich darauf vorbereitet, dass wir uns sehen. Der Buchladen erscheint mir als der ideale Treffpunkt.

Gerade als ich ein Schaufenster passiere, bleibt vor mir eine Figur stehen und spricht mich an. Mein Kumpel Lukas. „Na Job, was treibt Dich denn heute in die Stadt?“ - „Hi. Äh, mich? Heute in die Stadt? Nunja, ich suche eine Frau.“ - „Eine Frau? Irgendeine Frau?“ - „Nein, nein, eine spezielle.“ - „Ah. Ihr seid verabredet?“ - „Nein. Also nicht direkt. Eigentlich auch nicht indirekt. Also nicht verabredet. Aber ich habe mir gedacht, dass es sein könnte, dass sie heute auch hier ist und da wollte ich einfach mal vorbei schauen, ob ich sie sehe.“ – „Hier auf der Königstraße? Na, da kommst Du wohl besser mit mir und wir gehen ein Eis essen.“ - „Nein, störe meine Suche nicht. Das ist wichtig.“ - „Na, gut. Dann noch viel Glück. Und meld Dich mal.“, wirft er mir noch zu, als er, seine Prada-Tüte schlenkernd, wieder in der Menge verschwindet.

Da ist der Buchladen. Es zieht mich hinein und zu den Reiseführern. Ohne weiter nachzudenken schnappe ich mir einen und blättere ein wenig darin herum. Mit den Gedanken bin ich ausschließlich bei ihr. Immerhin ist gleich der Moment gekommen, an dem ich sie treffen werde. Mit zittrigen Händen friemele ich den Reiseführer wieder zurück und sehe gerade noch, dass es einer für Los Angeles war. Da könnte ich auch einmal hin fliegen, denke ich, wische mir die Hände an der Hose trocken und gehe in Richtung Ausgang. Als ich an den englischen Büchern vorbeikomme, befällt mich die Furcht, dass ich sie vielleicht doch nicht treffe, wenn ich hinaustrete. Und genau in dem Moment durchzuckt mich ein Blitz. Ich bleibe stehen, schaue in Richtung Türe und meine, sie hineinkommen zu sehen. Doch durch das helle Sonnenlicht hinter ihr wirkt die Erscheinung irgendwie surreal. Ich reibe mir die Augen und sehe noch einmal hin. Sie ist es. Der Grund meiner Suche läuft durch die Türe, bleibt stehen und dreht sich zu der Person in ihrem Arm. Sie schauen sich in die Augen und fangen an sich zu küssen. Verwirrt und aus meiner Traumwelt gerissen strebe ich nach draußen, wobei ich mich noch an einem Typen vorbei schieben muss, der die beiden anschaut, als hätte er noch nie gesehen, wie sich zwei Frauen küssen.